28.01.2019 
Traumata als Treibstoff

Wie Schicksalsschläge Manager stärker machen

Ein Gastkommentar von Günther Höhfeld

2. Teil: Fünf Tipps, wie man im Umgang mit traumatischen Erlebnissen auch wachsen kann

Wachstumstipp 1: Trainieren Sie Selbstmitgefühl

Traumabetroffene gewinnen eine andere Haltung sich selbst und ihrem Leben gegenüber. Sie lernen, beides intensiver wahrzunehmen, ein Gespür für das Wesentliche zu bekommen, neue Prioritäten zu setzen.

So zum Beispiel Michael F., CEO eines internationalen Pharmakonzerns. Bei einer Routineuntersuchung diagnostiziert sein Arzt einen fortgeschrittenen Gehirntumor. Michael F. muss alles aufgeben: seinen Job, seine Karriere, seinen geliebten Rennradsport. Er braucht Wochen bis ihm klar wird, dass auch andere Haltungen zählen. Er nennt sie "Slow Life", ein Leben im ersten Gang. "Mein Leben ist besser als vorher", gesteht er offen. "Heute nehme ich mir mehr Zeit für das, was mir wirklich wichtig ist. Und das sind definitiv meine Frau und meine Kinder. Ja, ich kann jeden Augenblick sterben, aber ohne diesen Schicksalsschlag wäre ich niemals in der Lage gewesen, auch ein langsames Leben so bewusst wertzuschätzen. Ich bin verletzlicher, aber auch stärker geworden."

Wachstumstipp 2: Entwickeln Sie Selbstwirksamkeit

Traumabetroffene Manager erleben eine interessante Paradoxie. Gerade das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit ruft bei ihnen das Gefühl der inneren Stärke hervor. Sie wissen, dass ihre Sicherheit im Leben jederzeit angreifbar ist. Zugleich sind sie sich darüber im Klaren, dass sie einschneidende Ereignisse meistern können.

Richten Sie Ihren Fokus auf das, was Ihnen gelungen ist, was Sie auszeichnet. So aktivieren Sie Ihr emotionales Erfahrungsgedächtnis, erhöhen Ihre Selbstwirksamkeit und erleben Flow und Freude.

Wachstumstipp 3: Denken und handeln Sie wachstumsförderlich

Manager, die nach einem Schicksalsschlag wieder aufblühen, betrachten ihr einschneidendes Erlebnis als Wachstumschance. Alte Ziele sind bei ihnen oft entwertet oder zerbrochen. In Zukunft geht es darum, neue Aufgaben zu erkunden. So wechseln einige ihren Beruf oder engagieren sich sozial.

Nach einem unverschuldeten Autounfall sitzt Frau E. querschnittgelähmt im Rollstuhl. Ihre Karriere als Model erfuhr ein abruptes Ende. Heute ist sie Inhaberin eines eigenen Modelabels. "Die heilende Kraft des Schreibens hat mir geholfen, meinen biografischen Bruch zu verarbeiten und neue Möglichkeitsräume zu eröffnen. Dadurch ist es mir gelungen, neue Verbindungen zwischen meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herzustellen. Das expressive Schreiben hat Eigenverantwortung und Flexibilität in mir aufgebaut. So konnte ich mich selbst aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und neue Sichtweisen einnehmen."

Wachstumstipp 4: Pflegen Sie positive Beziehungen

High-Quality-Connections (HQC) zeichnen sich aus durch gegenseitige positive Wertschätzung, Vertrauen und aktives Engagement. Sie bewirken ein angenehmes körperliches und seelisches Wohlbefinden und schaffen eine sich positiv abhebende Arbeitsumwelt. Entwickeln Sie ein feines Gespür dafür, welche Beziehungen ihnen gut tun und welche ihnen schaden, welche aufrichtig und wertschätzend und welche herablassend und entwürdigend sind. Wer die wahren Freunde sind, zeigt sich gerade in Extremsituationen.

Wachstumstipp 5: Schaffen Sie sich ein spirituelles Bewusstsein

Traumatische Erfahrungen sind Grenzerlebnisse und rufen existenzielle Fragen hervor. Betroffene reflektieren über Glaubensfragen, den Sinn des Lebens oder über Gott und die Welt. Das trifft auch für jene zu, die zuvor eher atheistische Weltanschauungen hatten. Entdecken Sie Ihren persönlichen heiligen Ort: in der Kirche, in der Natur, beim Betrachten eines Bauwerks oder Gemäldes, beim Lesen von Bibel, Gedichten, beim Hören von Musik oder Gebeten. Wo auch immer Ihnen Heiliges begegnet, bewahren Sie es in Ihrem Herzen. Denn aus ihm spricht die Quelle des Lebens.

Übrigens: Automanager Frank P. ist auch nach dem zweiten Infarkt sich selbst und seiner Liebe zu Autos treu geblieben. Er hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt und einen eigenen Oldtimer-Salon gegründet. Sein Credo: den Jahren mehr Leben geben und nicht nur dem Leben mehr Jahre.

Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Coach-Ausbilder, Experte für Resilienz und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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