15.05.2019 
Was eine Hollywood-Produktion über Führung verrät

Dreh deinen eigenen Film!

Eine Meinungsmache von Michaela Bürger

"Man lernt nie aus!" ist der Titel eines amerikanischen Spielfilms des Jahres 2015 mit Anne Hathaway und Robert De Niro. Kurz umrissen geht es darum, dass Jules Ostin, Gründerin eines E-Commerce-Modeunternehmens, den 70-jährigen Witwer Ben Whittaker als Praktikanten einstellt.

Michaela Bürger
  • Copyright:
    Michaela Bürger ist Inhaberin der gleichnamigen Unternehmensberatung und Expertin für Visions-, Strategie-, Struktur- und Führungsfragen in einer digitalen Welt. Mit ihrem Team unterstützt sie sowohl Konzerne wie auch inhabergeführte Mittelständler. Zudem ist sie als Rednerin und Autorin tätig.

Ben muss sich in seiner Rolle mit modernen Arbeitsmethoden und Technologien auseinandersetzen, aber aufgrund seiner Art bekommt er schnell einen guten Draht zu den jungen Kolleginnen und Kollegen - und jede Menge Hilfe. Der Plot will es zudem, dass Ben in dem Gebäude, das heute ein offenes, quirliges Loft-Büro ist, 40 Jahre gearbeitet hat, als dort noch Zeitungen und Telefonbücher produziert wurden.

Auf Wunsch der Investoren will Jules einen CEO für ihr Unternehmen gewinnen. Nach einigen Fehlschlägen trifft sie, mit Ben als Reisebegleiter, einen weiteren Kandidaten, mit dem sie schließlich einig wird. Aber Ben hält sie davon ab, weil seine erfahrene und empathische Sicht auf Jules' Firma und Leben ihn zu einem anderen Schluss kommen lässt - und Jules den Rat schließlich beherzigt.

Die Frage nach der optimalen Führungskraft lässt sich nicht digital beantworten

In drei Monaten vom Praktikanten zum Unternehmensberater und wertvollen Freund - typisch Hollywood, könnte man meinen. Und doch steckt in diesem Filmplot eine Menge Managementweisheit. Die Frage, wie eine Führungskraft, ein CEO, eine Präsidentin, ein Oberarzt, eine Hochschulprofessorin oder eine Büromanagerin in der Zukunft - die bekanntlich morgen beginnt - "aussehen" soll, lässt sich nicht digital beantworten. Es ist mehr ein Mosaik aus vielen kleinen Steinen, die sich aus Raum und Zeit, aus Ratio und Emotio und aus einer ganz besonderen Einstellung zur Steuerung und Führung von Geschäften und Personen zusammensetzt.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die Gegenwart zu verstehen: Das 19. Jahrhundert war geprägt durch Zerstörung und Aufbau, das 20. Jahrhundert durch Bewahren und Maximieren. Hinzu kommt die Entwicklung der Technik, die das Leben erleichtert, die es aber auch zu beherrschen gilt. Dadurch verändern sich die Rahmenbedingungen unseres Lebens, unsere Bedürfnisse und unser Umgang mit diesen ebenso wie unsere Routinen und Gewohnheiten.

Vor 40 Jahren waren die freie Presse und die Zeitung Errungenschaften - und Ben hatte in einer Firma gearbeitet, deren Leistung darin bestand, mehrere gut gefaltete Blatt Papier mit aktuellen Inhalten auf den Frühstückstisch zu bringen. Für Jules sind es ein iPhone, eine App und eine stabile WLAN-Verbindung, die massenhaft Informationen zur Verfügung stellen und es ihr ermöglichen, diese selbst zu selektieren und zu lesen, wo immer sie ist und wann immer sie möchte. Gern auch mit 1,5-facher Geschwindigkeit als Podcast, ohne jemals eine Zeitung in die Hand zu nehmen.

Das neue Führungsleitbild hat mit Antennen zu tun, aber nicht mit Technik

Und doch haben die beiden sich etwas zu sagen und können voneinander profitieren. Somit hat das Führungsbild der Zukunft nicht unbedingt etwas mit Alter und Technik zu tun, sondern mit feinen Antennen, die es zu bedienen gilt und die die maßgeblichen Frequenzen empfangen können müssen.

Nehmen wir Führungspersönlichkeiten aus der aktuellen Politik, wie Trump, Putin und Erdogan oder Parteien wie die AfD in Deutschland. Sie alle werden von Menschen gewählt und unterstützt, die sich nicht mehr in einer Industriegesellschaft, sondern in einer Informationsgesellschaft bewegen. Welche Eignung sehen diese Menschen in autoritären politischen Persönlichkeiten, welche Hoffnungen setzen sie in deren Wirken und welche Veränderungen erhoffen sich die Wähler von einer rechtspopulistischen Partei?

Eine mögliche Erklärung ist, dass ein Großteil der Menschen ihr Leben nach zwei Prinzipien definiert: Hedonismus und Selbstoptimierung. Viele Menschen sind immer weniger dazu bereit, Abstriche an ihrem eigenen Leben zu machen, sondern wollen stattdessen so viel wie möglich in dieses Leben "hineinpacken": Die berufliche Karriere, die perfekte Balance zwischen allen Lebensbereichen, eine schlanke Figur mit agilem, sportlichem Erscheinungsbild ebenso wie Genuss und ein ausgefülltes Sozialleben, in dem man Freunde trifft, gut isst, trinkt und ausgiebig feiert. Das "Ausspannen" am Meer gelingt gleichermaßen mühelos wie das Überschreiten täglicher Limits, um sich individuell hervorzuheben und sich immer wieder zu beweisen, dass das Leben - das ach so kurze Leben - intensiv gelebt werden kann.

Zu einer solchen Lebenseinstellung passen politische Persönlichkeiten, die versprechen "unser Land" - und damit auch die einzelnen Individuen - wieder groß zu machen. Wir erobern den Westen und mehren unseren Reichtum, wir machen unser eigenes Ding - ganz alleine. Wir entfernen all die Störer und "Sozialschmarotzer", damit es Dir wieder besser geht. Königliche, göttliche Kreaturen, die uns das Heil versprechen. Und weil sie genau die Punkte adressieren, die die Menschen noch weiter optimieren wollen, werden sie gewählt.

1 | 2

Mehr zum Thema