28.04.2015 
Jobchancen

Kenne Deinen Wert - was uns der Fall Herbert Diess lehrt

Von Heidi Stopper

2. Teil: Gerade 40 bis 45 Jahre alte Manager reagieren verunsichert

Leider erlebe ich besonders die 40 bis 45 jährigen oft verunsichert und hilflos wie kleine Kinder, da sie sich schon Jahre in energiezehrenden Situation aufreiben, bis nicht mehr viel übrig ist. Wie sie leiden, wie viel Angst sie haben, wie wenig Mut und Kraft zur Veränderung. Das noch nicht abbezahlte Eigenheim wird da angeführt, die gerade gefundene Kita für die Kinder, der nicht zumutbare Schulwechsel, der Freundeskreis, der Partners. Klar ist das alles nicht trivial in einem Land, wo Banken Vorfälligkeitsentschädigungen verlangen und Betreuungsplätze rar sind. Aber es ist machbar. Für unsere per se flexiblen Kinder sind Ortswechsel eine Bereicherung. Und Freunde verliert man in dieser vernetzten Welt heute eigentlich nicht mehr.

Ich sage immer: Das Leben ist zu kurz, um im falschen Job zu sein. Gute Leute sind gesucht wie nie zuvor. Ich kann es mit aussuchen, wo und mit wem ich arbeiten will. Ich kann nicht nur ein bestimmtes Gehalt oder ein Vergütungspaket verlangen, ich kann auch erklären, wie ich befördert, trainiert und weiter entwickelt werden will.

Dafür muss ich aufhören, mich an Gegebenheiten anzupassen, die mich im Grunde krank machen. Ich muss mich fragen: "Was brauche ich, damit ich gut funktioniere?" und im Bewerbungsprozess genau diese Punkte abklären. Lieber noch ein Gespräch, noch eine Recherche, noch ein paar schlaue Fragen, um herauszufinden: "Passt dieses Unternehmen zu mir?" Ihr Gegenüber wird nicht genervt, sondern eher beeindruckt sein, dass Sie auf Augenhöhe begegnen.

Und wenn der Wechsel schief geht, wenn es ein Fehler war, man doch im falschen Laden gelandet ist? Dann ein halbes Jahr bleiben und wieder springen. Gelernt haben Sie auf jeden Fall etwas, und das nötige Selbstbewusstsein für die nächste Bewerbung haben Sie jetzt auch.

Sind Sie besonders kreativ oder analytisch, können Sie gut Innovationen vorantreiben, sind Sie ein starker Kommunikator? Tüfteln Sie gerne an perfekten Prozessen oder gehören Sie eher zur Guerilla-Fraktion, mögen Sie Menschen oder denken Sie lieber alleine? Das sollten Sie unbedingt wissen. Dazu braucht man nicht unbedingt einen Coach und vielleicht gerade einmal drei Stunden Zeit.

Fachwissen wird übrigens grandios überschätzt. Das kann man sich nun wirklich aneignen. Man muss auch nicht alles schon können, was die neue Aufgabe verlangt. Damit haben vor allem Frauen oft ein Problem, wenn sie springen sollen. Sie fühlen sich schlecht vorbereitet.

Ich selbst bin gern und viel gesprungen, von der Juristerei ins Personalmanagement, vom Hightech-Konzern in die Welt der Medien, von Deutschland nach Frankreich und zurück. Ich finde es ganz normal, dass ich ständig etwas Neues lernen soll und genieße es in vollen Zügen.

Und ich vermute, auch Herbert Diess mit seinen 56 Jahren dürfte ab Jahresmitte noch etwas dazulernen: Wie man eine Marke führt, wie man mit der VW-Kultur klarkommt, wie man als Münchner in Wolfsburg überlebt.


Heidi Stopper ist Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de.

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