23.05.2019 
Die Wirtschaft kühlt ab - was nun?

Was Firmenchefs jetzt anpacken müssen

Ein Gastkommentar von Walter Sinn

Die Konjunkturaussichten für das laufende und das kommende Jahr sind mau. Mit ein paar wenigen aber wichtigen Entscheidungen können Firmenchefs sich und ihre Mitarbeiter darauf vorbereiten.

Walter Sinn
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    Walter Sinn ist Deutschlandchef der Unternehmens-beratung Bain & Company.

Noch weiß niemand genau, was es mit der konjunkturellen Eintrübung auf sich hat. Droht nur eine Delle? Oder befinden wir uns am Anfang einer längeren Rezession? Sicher scheint nur, dass den Unternehmen in Deutschland schwierigere Zeiten bevorstehen. Zeiten, wie wir sie seit beinahe zehn Jahren nicht mehr kennen. Der wirtschaftliche Abschwung wirft seine Schatten bereits voraus. Gewinnwarnungen und die Ankündigungen der Dax-Unternehmen, im laufenden Jahr 100.000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen, sind deutliche Indikationen.

Nahezu jedes Unternehmen stellt sich derzeit auf kippende Rahmenbedingungen ein. Strategie, Operations, Finanzierung - alles kommt auf den Prüfstand mit dem Ziel, sich krisenfest zu machen.

Die gute Nachricht ist: Es gibt nichts Besseres als konjunkturelle Durststrecken, um die Spielregeln für ein Unternehmen oder auch einer ganzen Branche neu zu gestalten. AntizyklischeM&A-Transaktionen, um Marktanteile oder Fähigkeiten hinzuzugewinnen, könnten Unternehmen bald neue Chancen eröffnen.

Die richtigen Entscheidungen treffen

Aus der letzten großen Finanz- und Wirtschaftskrise sind einige Firmen als Gewinner hervorgegangen. Andere hingegen wurden abgehängt. Die Gipfelstürmer haben in der letzten Rezession richtige und mutige Entscheidungen getroffen, die ihnen dann im Aufschwung Wettbewerbsvorteile verschafften.

Laut Analysen von Bain sind die weltweit besten Unternehmen während des letzten Abschwungs um durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr gewachsen und konnten anschließend jährlich um 13 Prozent zulegen. Im deutschsprachigen Raum erzielten die Top-Performer in den vergangenen zehn Jahren eine rund 45 Prozent höhere Aktienrendite als ihre Konkurrenten, wenn diese sich zu Beginn der letzten Rezession zögerlich oder falsch verhielten. Überlegenheit im Krisenmodus kann also der Schlüssel zum Erfolg sein.

Beherzt handeln

Eins eint die Besten: Sie haben im letzten Abschwung frühzeitig und beherzt gehandelt. Die Verlierer hingegen haben zu lange gewartet und dann bei einbrechenden Umsätzen und Gewinnen voller Panik versucht, das Ruder herumzureißen. Damit das Management genau weiß, welche Zielmarken wann verfehlt werden, ist ein Frühwarnsystem, basierend auf Key Performance Indicators (KPI), unverzichtbar. Nur so können im Ernstfall vorab definierte Gegenmaßnahmen rasch und konsequent eingeleitet werden.

Ebenso wichtig ist es, den eingeleiteten Sparkurs rechtzeitig zu stoppen, wenn die Indikatoren wieder nach oben zeigen. Es gilt, die Schalter rascher umlegen, als es die Wettbewerber tun. Auch das lehrte die vergangene Rezession: Manager, die zu lange im Krisenmodus verharren, verpassen den nächsten Aufschwung.

Unternehmensprofil schärfen

Doch wo den Rotstift ansetzen, wo restrukturieren? Undifferenziert Kosten zu senken ist grundfalsch und gefährdet die Zukunft. Die Maßnahmen zur Krisenbewältigung dürfen die Ertragskraft und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens nicht zerstören. Neue, zukunftsorientierte Geschäftsfelder und Technologien sind von den Kürzungen auszunehmen. Dafür können strategische Randbereiche möglicherweise schneller abgestoßen werden als geplant. Schwierige Zeiten bieten demzufolge auch die Chance, die eigene Positionierung zu überprüfen und das Unternehmensprofil zu schärfen - Aspekte, die gerne vernachlässigt werden, solange es gut läuft.

Die Kunst des Managens wird in den kommenden Monaten also darin bestehen, das Kerngeschäft exakt, möglicherweise auch neu abzugrenzen und mit notwendigen Einschnitten den geringstmöglichen Schaden anzurichten. Das Topmanagement braucht absolute Klarheit darüber, wie sich die finanzielle Resilienz des Unternehmens in der Phase wirtschaftlicher Abkühlung darstellt und welche finanziellen Spielräume es gibt. Stresstests helfen dabei.

Überzeugend kommunizieren

Erfolgreiches unternehmerisches Handeln setzt auch im Abschwung operative Exzellenz voraus. Das Motto "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" gilt nicht zuletzt für den Krisenmodus. Unternehmen, die die letzte Rezession am besten bewältigt haben, bauten rechtzeitig schlagkräftige und durchsetzungsstarke Projektorganisationen auf, die die Umsetzung der Maßnahmenpakete steuerten.

Kommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle. Personalabbau, M&A-Transaktionen, Investitionskürzungen - all das verunsichert die Mitarbeiter. Wem es bei allem Veränderungsdruck gelingt, dass sich die Belegschaft mit den erforderlichen Maßnahmen identifiziert, ist grundsätzlich im Vorteil. Bei essenziellen Entscheidungen muss das Topmanagement Flagge zeigen und die Mitarbeiter überzeugen, selbst wenn es sich um harte Einschnitte handelt.

Gerade im Abschwung können Firmenlenker beweisen, ob sie der Konkurrenz überlegen sind und ihr Unternehmen damit zu den Gewinnern zählt.

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