09.02.2020 
Investor Rolf Elgeti kapert Traditionskonzern FP

Wildwest in Berlin

Von und

Als Investor und starker Mann des Drittligisten Hansa Rostock ist Rolf Elgeti (43) wechselndes Spitzenpersonal gewohnt. Seit er bei dem Traditionsklub nach einer Millionenspritze 2015 das Kommando übernommen hat, versuchten vier Cheftrainer ihr Glück. Sämtlich erfolglos.

Das Prinzip des hastigen Durchtauschens wendet der zuletzt spektakulär erfolglose Investor nun auch auf eine seiner besonders interessanten Beteiligungen an: Die Berliner Traditionsfirma Francotyp Postalia (FP), einen rund 100 Jahre alten Produzenten für Frankier- und Kuvertiermaschinen, der seit ein paar Jahren den Wechsel in die Digital-Ära versucht. Dazu bieten die Berliner neben ihren Maschinen beispielsweise Software für sichere digitale Kommunikation an. Gut 200 Mio. Euro Umsatz, bei einem operativen Gewinn (Ebitda) von gut 17 Mio. Euro, kommen da insgesamt zusammen und werden seit 2016 von einem ebenso prominenten wie gestaltungsfreudigen CEO überblickt: Rüdiger Andreas Günther, früher schon mal Chef des Landmaschinenherstellers Claas, Finanzvorstand des Chipkonzerns Infineon oder des Tech-Anbieters Jenoptik. Elgeti will ihn nun schleunigst austauschen - und agiert dabei mit einer in Deutschland bislang unbekannten Aggressivität.

Per Brief forderte der Investor den FP-Vorstand um Günther am Freitagabend auf, schleunigst ein außerordentliches Aktionärstreffen einzuberufen. Einziger Tagesordnungspunkt: eine Abstimmung zum "Ausscheiden von Herrn Günther aus dem Vorstand".

Elgeti muss einen schmerzhaften inneren Druck verspüren, dass er seinem Investment diese Extra-Last aufdrückt: Die Finanzleute stellen gerade den Jahresabschluss fertig und arbeiten unter Volllast, ein außerordentliches Aktionärstreffen kann schon mal bis zu 100 000 Euro extra kosten und bis zur ordentlichen Hauptversammlung am 17. Juni wäre es eigentlich auch nicht mehr so lange hin. Am Sonntag ging der Francotyp-Vorstand dann auch auf Konfrontation zu Elgeti und teilte mit, auf die außerordentliche Hauptversammlung verzichten zu wollen.

Den erforderlichen Anteil für die Einberufung einer solchen Versammlung von 5 Prozent hat Elgeti locker beisammen. In den vergangenen Wochen baute er seinen Anteil sukzessive auf etwa 20,71 Prozent aus. Mitunter halfen seine eigenen Analysten in Telefonkonferenzen zu den Quartalszahlen mit düsteren Thesen und Einwänden, bloß keine Kurs-Euphorie aufkommen zu lassen. Entsprechend günstig konnte der Investor seine Position aufbauen.

Der Mann ist ein Unikat in der deutschen Investorenszene. Als junger Analyst war der Mecklenburger in frühen Jahren europaweit zu Ruhm gekommen - bevor er seine unbestrittene Intelligenz und sein Gespür für eigene Rechnung einzusetzen begann: Als Investor in Immobilien in deutschen B-Lagen wurde er zum Multimillionär.

Lesen Sie hier: Die wilden Geschäfte des Rolf Elgeti

Sein Plan, sein Vermögen durch unternehmerische Investitionen zu vervielfachen, scheiterte bislang aber kläglich. Die börsennotierte Staramba, einen 3-D-Drucker von Fußballstars, etwa ist inzwischen als Gauklerstück enttarnt. Und das ist nur der krasseste von Elgetis Fehlgriffen.

Was genau er mit Francotyp Postalia vorhat und warum ihm Günther dabei im Wege ist, liegt bislang ebenfalls im Dunkeln. Der Vorstandschef hat seine Finanzziele - mit Ausnahme der Umsatzzahl für 2018 - alle erreicht. Die Aktienkurs-Entwicklung ist zwar einerseits - weil hartnäckig seitwärts - enttäuschend. Andererseits aber immer noch deutlich besser als etwa beim Hauptkonkurrenten Pitney Bowes aus den USA. Ein Angebot, in den nur dreiköpfigen Aufsichtsrat einzuziehen, um von dort konstruktiv mitzuwirken, schlug Elgeti unlängst aus. Auf die Frage des manager magazins, warum Elgeti die Ablösung des Vorstandschefs fordere, antwortete er am Sonntag per Mail: "Wir glauben, im Interesse der Aktionäre zu handeln. Zu den Details haben wir die relevanten Gremien der Gesellschaft informiert und werden dazu natürlich auch detailliert und substantiiert auf der Hauptversammlung vortragen."

Aktenkundig ist jedenfalls, dass ihn die Sache hochgradig emotionalisiert. Nachdem Aufsichtsratschef Klaus Röhrig auf der Hauptversammlung Ende Mai 2019 die Vertragsverlängerung von Günther um drei Jahre bis Ende 2022 verkündet hatte, schoss der öffentlich sonst so beherrschte Elgeti Dutzende giftige Fragen in Richtung des Aufsichtsrats und Günthers ab. Der Vorstandschef wurde auf dem Aktionärstreffen, wenn auch mit 64 Prozent nur recht knapp, entlastet, der Aufsichtsrat dagegen fiel mit einer Nicht-Entlastung von 52,5 Prozent durch.

Röhrig, mit einem Anteil von 9,5 Prozent zweitgrößter Aktionär hinter Elgeti, scheinen Auftritt und Wucht seines Großaktionärs nachhaltig verunsichert zu haben. Die Vertragsverlängerung für Günther im Juni flankierte er noch mit den wärmsten Worten: "Ich begrüße es sehr, dass Rüdiger Andreas Günther als CEO (...) den eingeschlagenen Weg der Neupositionierung von FP fortsetzen (...) wird." Nun, nachdem Elgeti mit dem Bulldozer angerückt ist, verzichtete der Aufsichtsratschef auf eine Vertrauenserklärung für seinen Vorstandschef - anders als der Aufsichtsrat von Bayer, als deren Vorstandschef Werner Baumann auf der Hauptversammlung 2019 von der Mehrheit der Aktionäre das Misstrauen ausgesprochen wurde.

Mildernde Umstände wegen Unwissenheit kann Aufsichtsratschef Röhrig nicht geltend machen: Röhrig hat sein Handwerk einst bei Elliott gelernt, einem der berüchtigsten aktivistischen Investoren der Welt. Und im Jahr 2017 hat er selbst eine Blaupause geliefert, wie man ein Unternehmen sturmreif schießt: Sein Dauerfeuer auf das Management sorgte dafür, dass der Pharma-Hersteller Stada (Grippostad, Ladival) schließlich von den Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven gekauft und von der Börse genommen wurde.

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