13.03.2019 
Meistbestelltes Flugzeug der Welt bleibt am Boden

Wie Kundenwut die Boeing 737 Max stoppt

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Safety first. Nach diesem ehernen Grundsatz handeln die Flugaufsichtsbehörden in etlichen Ländern und mehrere Airlines, die das neue Boeing-Modell 737 Max nach dem zweiten tödlichen Crash lieber am Boden lassen. Den Anfang haben Äthiopien und Indonesien gemacht, die direkt von den Unfällen betroffenen Länder. Über den wichtigen chinesischen Markt breitete sich die Welle zum "Grounding" des Flugzeugtyps in Asien und Lateinamerika aus.

In Boeings Heimat Nordamerika und in Europa hingegen warteten die Akteure erst einmal ab - bis am frühen Dienstagnachmittag die britische Luftfahrtbehörde ihren Luftraum für die 737 Max sperrte und damit einer Entscheidung der europäischen Agentur EASA vorgriff; "als Vorsichtsmaßnahme, da wir derzeit nicht genügend Informationen aus dem Flugschreiber haben". Der Rest Europas zog dann nach.

Zuvor hatte noch der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek (CDU), vor "Schnellschüssen" gewarnt, "wenn man noch gar nicht weiß, was die Ursachen für den Absturz gewesen sind". Da "kann man nicht direkt hingehen und Verbote erteilen", sagte er im RBB-Inforadio. "Am Ende braucht man doch ein Stück Beleg."

Das entspricht der Linie von Boeing . Konzernchef Dennis Muilenburg schrieb den Mitarbeitern am Montag laut "Financial Times", sie sollten sich "auf die Fakten konzentrieren und Spekulationen vermeiden". Boeing bleibe "von der Sicherheit der 737 Max überzeugt".

Indizien für ein technisches Problem

Bisher sind es nur Indizien, die für ein grundsätzliches technisches Problem sprechen. Die aber wirken so stark, dass sich die Haltung "Im Zweifel für den Flugbetrieb" kaum noch durchhalten lässt: Wie Horrorstorys klingen die Berichte von den Notrufen der Crews, die in beiden Flügen offenbar nicht gegen einen von der Software verordneten Sturzflug ansteuern konnten.

Dass die US-Luftfahrtbehörde FAA nach dem Crash in Indonesien milde Nachbesserungen von Boeing verlangte - ein Software-Update und Hinweise im Pilotenhandbuch -, die nun bald wirklich kommen sollen, stärkt das Vertrauen kaum. Boeing nennt das, "ein schon sicheres Flugzeug noch sicherer machen".

"Boeing steckt in einer immensen Krise", schreibt der Londoner Luftfahrtanalyst Alex Macheras auf Twitter. Weltweit seien die Passagiere besorgt. In den sozialen Netzen häuften sich Fragen, ob sie mit einer 737 Max fliegen müssen und wie das zu verhindern sei. So seien die Fluggesellschaften zum Handeln gezwungen gewesen, auch wenn ein Sprecher der deutschen Tuifly noch am Dienstag beharrte, die amerikanische Lufttüchtigkeitsbescheinigung sei "wie der Stempel vom Tüv". Boeing und die Behörden, findet Macheras, sähen nun so aus, als würden sie leichtfertig mit dem Leben der Passagiere umgehen.

Sogar Ex-Funktionäre der FAA riefen im US-Fernsehen dazu auf, 737Max-Flüge zu meiden.

"Mit 300 Toten geht niemand leichtfertig um"

"Mit 300 Toten geht niemand leichtfertig um", sagt dagegen der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt gegenüber manager-magazin.de. "Sie werden den Teufel tun, sich Vorwürfen auszusetzen, ein Auge an der falschen Stelle zugedrückt zu haben."

Aber die Argumente gegen ein Grounding seien durchaus berechtigt, meint Großbongardt - der bis 2004 als Sprecher für Boeing arbeitete, nach eigenen Angaben aber nichts mehr mit dem Konzern zu tun hat. Das Problem, dass die Systeme automatisch die Trimmung des Flugzeugs ändern, sei in Vorgängermodellen der 737 Max seit 30 Jahren bekannt.

"Da gibt es ein Verfahren, das jeder Pilot kennt" - ein einfacher Knopfdruck reiche aus, um den unkontrollierten Absturz zu verhindern. Zudem fordere die laute Bewegung des Trimmrads auch die Aufmerksamkeit der Crew. "Spätestens nach dem Crash in Indonesien weiß jeder 737-Max-Pilot, dass es dieses Phänomen gibt und wie sie darauf reagieren müssen."

"Ein Verfahren, das jeder Pilot kennt"

Und warum möglicherweise dasselbe in Äthiopien jetzt noch einmal passierte? "Die Frage ist, warum die Piloten diese Software nicht deaktiviert haben", sagt Großbongardt. "Es ist ein durchaus denkbares Szenario, dass es ein anderes Problem gab und sie im Cockpit überfordert waren." Das alles sei jedoch Spekulation. Zunächst müsse man die Auswertung von Flugschreiber und Stimmenrekorder abwarten.

Im indonesischen Fall fanden die Ermittler einen fehlerhaften Sensor, der Daten zum Anstellwinkel an die Systeme übermittelt, als eine Problemursache. Ein abschließender Bericht steht aber noch aus - obwohl der Stimmenrekorder im Januar aus dem Meer geborgen wurde. In Äthiopien, wo das Flugzeug an Land crashte, wurden die Geräte schnell gefunden - was die Hoffnung nährt, dass auch schnell erste Erkenntnisse zum Unfallhergang gewonnen werden könnte. Die ein, zwei Tage hätte man mit dem Grounding ruhig warten können, meint Großbongardt.

Das meistbestellte Flugzeug der Welt

Auch wenn das meistbestellte Flugzeug der Welt bald gar nicht mehr fliegen sollte - beispiellos ist das nicht. 2013 wurde die damals neue Boeing 787 weltweit lahmgelegt, weil in einigen Fällen die Lithium-Ionen-Akkus an Bord brannten. Unfälle gab es deswegen zwar nicht, die Behörden auch in den USA gingen jedoch auf Nummer sicher. "Das zeigt, dass sie keine Beißhemmung haben", meint Großbongardt.

Kommerziell sei ohnehin kein großer Schaden für den Flugzeughersteller zu erwarten - es fehle an Alternativen. Mag die indonesische Lion Air auch über einen Wechsel zur Airbus A320neo nachsinnen; "die sind noch ausverkaufter als Boeing", erklärt Großbongardt. "Und es gibt niemanden, der in die Bresche springen könnte."

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