13.03.2019 
Nach dem Absturz

Boeings Katastrophen-Jet - Die wichtigsten Fragen und Antworten

Nach dem Absturz zweier baugleicher, neuer Flugzeugtypen binnen weniger Monate gerät der US-Flugzeugbauer Boeing weltweit unter Druck. Obwohl die zuständige US-Luftfahrtbehörde FAA die betreffenden Boeing 737 Max 8 weiter für zuverlässig hält, reagieren Passagiere verunsichert. Erste Flugverbote einiger Airlines lösen eine globale Dynamik aus, der sich immer mehr Betreiber und Regierungen anschließen. Mittlerweile sind viele Maschinen am Boden. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema.

WAS IST PASSIERT? Augenzeugen wollen gesehen haben, dass sich die Boeing vor dem Aufprall nahe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba am Sonntag um die eigene Achse gedreht hat, andere berichten von Flammen. Laut der Airline meldeten die Piloten dem Tower Probleme mit der Flugsteuerung. Die Bilder vom Unfallort deuten darauf hin, dass sich die Maschine nicht in der Luft zerlegt, sondern fast senkrecht und mit hoher Geschwindigkeit in den Boden gebohrt hat. Die Trümmer liegen eng beieinander - ein Hinweis, dass der Rumpf beim Aufprall noch weitgehend intakt war. Die Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines war auf dem Weg nach Nairobi kurz nach dem Start abgestürzt. Konkrete Hinweise auf die Ursache erhoffen sich die Ermittler durch die Auswertung von Cockpit-Stimmenrekorder und Flugdatenschreiber.

Bereits im Oktober 2018 war eine Boeing 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt, damals verloren 189 Menschen ihr Leben. Den Unfallermittlern zufolge könnte ein Steuerungssystem der Boeing verantwortlich für den Absturz sein. Die Software zog die Nase des Flugzeugs automatisch immer wieder nach unten, während die Crew versucht habe, sie nach oben zu steuern.

WAS SIND DIE KONSEQUENZEN? Zunächst setzten Singapur und Australien alle Flugaktivitäten der Boeing-737-Max-8-Flugzeuge vorsichtshalber aus, diverse Airlines rund um den Globus erteilten Startverbote. Später sperrten dann auch mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland und Großbritannien, ihren Luftraum für Maschinen dieses Typs. Die Sperre des deutschen Luftraums gilt bis einschließlich 12. Juni. Am Dienstagabend riegelte dann auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA den europäischen Luftraum für Boeing 737 Max 8 und Max 9 ab. EASA ist für den Luftraum der 28 EU-Mitgliedsstaaten und für jenen von Island, Norwegen, Liechtenstein und der Schweiz zuständig.

Auch Indien, Neuseeland, Hongkong, China, Indonesien, Malaysia, Singapur, Australien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, der Oman und der Libanon haben ein Startverbot gegen den Flugzeugtyp Boeing 737 Max 8 oder die gesamte Serie der 737 Max-Flieger verhängt. Allein in China sind von dem Verbot knapp 100 Flugzeuge betroffen, in Europa mindestens 40 Maschinen.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA, in deren Aufsichtsbereich 74 der Boeing 737 Max 8 im Einsatz sind, hat kein Startverbot ausgesprochen. Die US-Fluggesellschaften Southwest Airlines, American Airlines und auch die kanadische Air Canada halten bisher an den Flugzeugen fest.

Zu den Airlines außerhalb Chinas, die besonders betroffen sind gehören: Norwegian (18 Flugzeuge), der Reisekonzern Tui (15), Turkish Airlines (12), Flydubai (11), die brasilianische Gol (7), Ethiopian Airlines (4) und Polens Lot (5). Tui handelte erst zögerlich, weil sie sich zunächst auf Empfehlungen der US-Luftfahrtbehörde FAA stützten. Inzwischen hat auch der Tui-Konzern seine 15 Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max 8 vorübergehend stillgelegt.

Somit darf die Boeing 737 Max 8 in Europa und weiten Teilen Asiens nicht mehr fliegen. Mindestens 200 der rund 350 seit 2017 ausgelieferten Flugzeuge bleiben nun infolge des Absturzes in Äthiopien am Boden.

WAS SIND DIE FOLGEN FÜR DEUTSCHE PASSAGIERE? Reisende an deutschen Flughäfen haben wegen des Flugverbots bisher kaum mit Einschränkungen zu rechnen. In Frankfurt am Main sind am Mittwoch von dem Flugverbot lediglich zwei Flüge betroffen. Die widersprüchlichen Airline- und Behördenentscheidungen steigern die Verunsicherung bei vielen Passagieren allerdings. Verängstigte Fluggäste wollen Flüge mit dem betroffenen Boeing-Flugzeugtyp unbedingt vermeiden. Sie sind in Europa jedoch eher unwahrscheinlich: Bei der Flotte des Tui-Konzerns sind lediglich 15 Maschinen von insgesamt rund 150 Flugzeugen betroffen - sie wurden in Großbritannien und den Benelux-Ländern eingesetzt. Auch bei der Airline Norwegian, die ebenfalls den Einsatz des Boeing-Modells stoppte, sind nur relativ wenige Jets betroffen.

WIE REAGIERT BOEING? Der US-Luft- und Raumfahrtriese kämpft ausgerechnet bei seinem hoffnungsfroh gestarteten jüngsten Kassenschlager gegen eine Vertrauenskrise. Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Bei andauernden Problemen könnten auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte den zweiten Tag in Folge ab, allein gestern schloss die Boeing-Aktie an der Wall Street mit einem Minus von 6 Prozent. Boeing beharrt indes auf der Verlässlichkeit der in die Kritik geratenen Baureihe. "Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit", teilte der Konzern mit.

Boeing verwies erneut darauf, dass die US-Luftfahrtbehörde FAA derzeit keine weiteren Maßnahmen fordere. In den kommenden Wochen will der Konzern jedoch ein wichtiges Software-Update für die Baureihe anbieten. Die Devise laute, "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer machen", versprach Boeing.

mg/dpa-afx

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