26.03.2020 
Masken statt Mode - wie der Hemdenhersteller Eterna überleben will

"Die Produktion von Schutzausrüstung ist eine echte Chance"

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Der Umsatz des Hemdenherstellers Eterna liegt seit den angeordneten Ladenschließungen bei nahe null. Vorstandschef und Miteigentümer Henning Gerbaulet sorgt sich um die Existenz des 1863 gegründeten Unternehmens mit rund 1100 Beschäftigten, das mehrheitlich dem Finanzinvestor Quadriga Capital gehört. Seine Lösung: Er näht jetzt Atemmasken und Schutzanzüge - vielleicht sogar dauerhaft.

manager magazin: Herr Gerbaulet, Sie fertigen seit Ende vergangener Woche in ihrem Werk in der Slowakei Atemmasken. Wie kam es dazu?

Henning Gerbaulet: Wir sind vor Ort ein bekannter Arbeitgeber und eines der wenigen Unternehmen im Land, das über Nähkapazitäten verfügt. Also hat sich die slowakische Regierung bei uns gemeldet und um Hilfe gebeten. In einem ersten Schritt haben wir einen Auftrag über 500.000 Atemmasken bekommen, der inzwischen auf über 1,4 Million Stück aufgestockt wurde. Daran arbeiten wir mit einem Teil der dortigen knapp 500 Mitarbeitern.

Wie wird aus einem Modekonzern über Nacht ein Produzent von medizinischem Equipment?

Wir haben von der Regierung Fließstoff nach medizinischem Standard erhalten und arbeiten zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte als reiner Lohnfertiger. Dafür mussten wir niemanden nach Hause schicken. Das Material der Masken entspricht FFP2-Standard und geht an den slowakischen Staat als Auftraggeber.

Echten Virenschutz leisten aber nur FFP3-Masken.

Die Masken verfügen über medizinischen Standard, wurden von der slowakischen Regierung für den Einsatz in Krankenhäusern, Polizei und Militär bestellt und verhindern zumindest, dass der Träger zum Überträger wird. Momentan herrscht auch daran ein großer Mangel.

Neben Eterna produziert etwa auch der T-Shirt-Hersteller Trigema Atemmasken. Besteht darin eine Chance, den brutalen Umsatzeinbruch infolge der geschlossenen Läden wenigstens abzumildern?

Die wenigsten Modehersteller verfügen über eigene Werke in Deutschland beziehungsweise Europa. Allerdings kann die Produktion von Atemmasken unseren wirtschaftlichen Schaden kaum abmildern. Zunächst einmal freuen wir uns aber, dass wir durch diese kurzfristige Maßnahme auf Kurzarbeit in unserer Produktion verzichten konnten und zugleich einen kleinen Beitrag für die Bewältigung dieser Krise leisten können. Aber wir sehen in der Produktion von medizinischer Schutzausrüstung inzwischen auch eine echte Chance.

Inwiefern?

Seit ich Ende vergangener Woche in einem kurzen Post auf Linkedin über unsere Aktion in der Slowakei berichtet habe, können wir uns vor Aufträgen und Anfragen kaum retten. Das hat mich total überrascht. Der Beitrag sollte ein kleiner Mutmacher für mein persönliches Netzwerk werden, nun ist daraus eine Riesenwelle geworden. Der Post wurde über 450.000 Mal angeklickt, nun fragen einzelne Interessenten, ob wir 100.000 Schutzanzüge oder Millionen weitere Masken herstellen können. Am Wochenende habe ich dann Kontakt mit der Landes- und Bundesregierung aufgenommen und mir Produkte und Preislisten von Krankenhäusern besorgt.

Es gibt derzeit drei Probleme: ein Mangel an Fertigungskapazität, die Versorgung mit den benötigten Spezialstoffen und die Exportbeschränkung für Schutzprodukte. Letzteres Problem konnten wir gemeinsam mit der Politik bereits lösen. Die Materialien für die Atemschutzmasken können wir mittlerweile über einen deutschen Lieferanten sicherstellen. Jetzt schauen wir, wo wir Stoffe für Schutzanzüge herbekommen und wie wir über Automatisierung den Output erhöhen können. Und über die notwendigen Nähkapazitäten und Maschinen verfügen wir ja dank eigener Europaproduktion!

Entdecken Sie gerade ein neues Geschäftsfeld?

Es könnte eines werden. Die Bundesregierung muss sich die Frage stellen, ob sie auch in Zukunft eigene Fertigungskapazitäten aufbauen will. Für diesen Fall haben wir unser Interesse signalisiert. Aber klar ist auch, das wird seinen Preis haben, denn die heute vorhandenen Produkte sind trotz der verwendeten billigen Materialien in Europa - gerade auch bei nicht vollautomatisierter Fertigung - nicht zu asiatischen Preisen herstellbar. Wenn die Politik das auch so sieht und zukünftig eine europäische Eigenversorgung von Schutzkleidung sicherstellen möchte, könnte es sein, dass bei uns ein neues Standbein entsteht. Allerdings wollen wir auch weiterhin vor allem Hemden und Blusen herstellen, weil wir davon am meisten verstehen und uns diese Produkte seit 1863 sehr erfolgreich gemacht haben.

Gibt es dafür denn derzeit überhaupt eine Nachfrage?

Wir arbeiten gerade die Bestellungen für die Herbst-/Winter-Kollektionen ab. Allerdings habe ich große Sorge, dass wir auf vielen Aufträgen sitzen bleiben. Laut unseren Informationen ist ein Gesetz in Arbeit, nach dem Handelsunternehmen, die ihre vor dem 8. März getätigten Bestellungen aufgrund der Krise nicht mehr bezahlen können, diese stornieren dürfen. Das wäre für die Industrie fatal und würde das Ende von vielen Marken und Herstellern in der Modeindustrie bedeuten. Eine solcher undurchdachter Aktionismus muss auf jeden Fall vermieden werden. Stattdessen sollte die Politik lieber auf bilaterale Lösungen zwischen langjährigen Handelspartner vertrauen.

Wagen Sie bereits eine Prognose, wie sich die Krise auf Ihr Geschäft auswirkt?

Das kann ich nicht. Wir haben im Jahr 2019 112 Millionen Euro Umsatz gemacht. Im Moment erlösen wir keinen einzigen Euro. Es ist ja nicht nur so, dass alle stationären Modegeschäfte zu sind, selbst Zalando und andere Online-Händler nehmen keine Ware mehr ab, weil derzeit niemand auf dem Sofa sitzt und in einen Kaufrausch verfällt. Viele Menschen haben schlichtweg Angst um Ihren Job. Und ob sie nach der Krise schnell wieder in Konsumlaune kommen, kann niemand voraussagen.

Der größte Modekonzern der Welt, die Zara-Mutter Inditex, will über 25.000 Mitarbeiter entlassen. Wie reagieren Sie?

Wir wollen niemanden entlassen. Wir versuchen zunächst unsere Kosten wie Marketingausgaben zu kürzen oder Ladenmieten nach zu verhandeln. Wir optimieren Working Capital und Liquidität. Außerdem prüfen und beantragen wir alle zur Verfügung stehenden staatlichen Hilfen wie Kurzarbeit Steuerstundungen uns andere, um unser Ziel zu erreichen.

Dennoch ist bereits jetzt absehbar, dass die Corona-Pandemie den Strukturwandel in der ohnehin angeschlagenen Modebranche verschärfen wird.

Der eine hält die Situation länger aus, der andere kürzer. Klar ist aber, die Bereinigung wird brutal.

Und warum werden Sie zu den Überlebenden gehören?

Auch nach schwierigen Zeiten konnte unser Unternehmen in den letzten Jahren wieder auf den Erfolgskurs zurückgeführt werden. Eterna ist heute nicht nur eine bekannte, sondern vor allem sehr attraktive und moderne Marke mit qualitativ herausragenden und nachhaltig produzierten Produkten, auf die unsere unzähligen loyalen Kunden zukünftig nicht verzichten möchten. Der Erfindergeist steckt tief in den Genen unseres Unternehmens und seiner 157 jährigen Geschichte. Aus diesen Gründen bin ich der festen Überzeugung, dass Eterna diese Krise - wenn auch nur mit gewaltigen Anstrengungen und Unternehmergeist - überstehen wird.

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