29.03.2019 
Hamburg Commercial Bank

Warum die ewige Pannenbank HSH plötzlich Avantgarde ist

Aus Hamburg berichtet

"Wirklich stolz" zeigt sich Stefan Ermisch (53). Noch bevor der Chef der Hamburg Commercial Bank seine Bilanzzahlen für 2018 erklärt (ein kleiner Gewinn von 77 Millionen Euro), kommt er zur eigentlichen "breaking news": Der Plan, die Belegschaft annähernd zu halbieren, ist vom Betriebsrat gebilligt worden.

Nicht, dass Ermisch die Arbeitsplätze seiner Beschäftigten egal wären; er bekennt sich durchaus zur Verantwortung, sieht den Kahlschlag aber als "notwendig". Er ist zentrale Bedingung für den radikalen Sanierungsplan der Hamburg Commercial Bank, die bis November noch HSH Nordbank hieß und einer der größten notorischen Problemfälle der deutschen Finanzbranche war.

Das sieht man jetzt nur noch in Klagen geprellter Anleihegläubiger und in der Schuldenstatistik der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein. Die haben seit der Finanzkrise Kosten von voraussichtlich rund 17 Milliarden Euro übernommen (die Endabrechnung wird noch Jahre dauern). Mit der Übergabe an die privaten Investoren übernahm der Steuerzahler auch das Gros der verbliebenen faulen Kredite.

Die verbliebene Restbank und deren neue Besitzer um den US-Fonds Cerberus sind jetzt fein raus. Die Gewinne mögen noch nicht so beeindrucken, aber das liegt unter anderem an extrem hohen Reserven an Liquidität und Risikovorsorge - und den Kosten, die mit dem nun vereinbarten Personalabbau und dem Verkauf von Gebäuden wie der zweiten Zentrale in Kiel absehbar sinken werden.

Die neue Bank steht mit einer Bilanzsumme von nur noch 55 Milliarden Euro unter ferner liefen. Ihr Geschäft ist im Wesentlichen das alte - Kreditvergabe für Gewerbeimmobilien, kleine und mittlere Unternehmen im Norden, Ökostromprojekte und Schiffe; letzteres sogar mit verdoppeltem Neugeschäft - aber keine Spur mehr von alten Ambitionen des einst weltgrößten Schiffsfinanziers.

Man müsste kaum noch über die Hamburg Commercial Bank reden, hätte der ewige Problemfall nicht plötzlich auch eine Vorreiterrolle für die Branche. So sieht das zumindest Ermisch: "Wir haben das getan, bevor andere in Bewegung kommen." Die erste Privatisierung einer deutschen Landesbank habe "Signalwirkung".

Man kann das auf die Nachbarn von der NordLB in Hannover beziehen, die wiederum von Sparkassen und Ländern aufgefangen werden muss; oder auch auf die neuen Kollegen im Privatbankensektor, dem sich Ermischs Institut bis 2022 anschließen will: Der Banker spricht von einem "Konsolidierungsrückstau in der deutschen Bankenbranche".

Deutsche Bank und Commerzbank prüfen ja bekanntermaßen gerade, ob sie sich nicht selbst konsolidieren sollen. Eines der großen Hindernisse ist das dann drohende "Blutbad" an Jobs - relativ gesehen jedoch eine kleine Nummer im Vergleich zu dem, was Ermisch in Hamburg innerhalb eines Quartals und nach eigenen Worten "ohne viel Tamtam" durchgezogen hat.

Was die Hamburg Commercial Bank mit den beiden Großbanken gemeinsam hat, ist der Eigentümer. Cerberus besitzt in Hamburg 42,5 Prozent der Anteile (der Rest gehört mit Cerberus verbundenen Investoren), an der Commerzbank 5 Prozent und der Deutschen Bank nur 3 Prozent. Trotzdem ist die nach dem Höllenhund der griechischen Sage benannte Heuschrecke auch dort in einer Schlüsselrolle - im Fall der Deutschen Bank als Berater und zugleich Großkunde.

"Cerberus verhält sich astrein, was Corporate Governance angeht", beteuert Ermisch. In Hamburg brauche man kein extra Beratungsmandat; auch an der Betreuung der Problemkredite, die Cerberus zuvor der alten HSH Nordbank abgekauft hatte, habe seine Bank kein Interesse. Seinen Einfluss mache der Investor vielmehr "sehr professionell" geltend: über den Aufsichtsrat. Er freue sich über den "sehr intensiven, fast täglichen Austausch" und wünsche sich eher "mehr statt weniger Intervention" der Amerikaner, sagt Ermisch.

Er verweist auf das Beispiel der einstigen österreichischen Gewerkschaftsbank Bawag, die vor der Finanzkrise von Cerberus übernommen wurde - "als niemand der Bank noch zutraute, privatisiert zu werden" - und nun an der Börse "die erfolgreichste österreichische Bank" sei; nebenbei auch einer der Hamburg-Commercial-Bank-Investoren an Cerberus' Seite. "Also, irgendwas müssen die richtig machen."

Ob der radikale Heuschrecken-Plan in Hamburg wirklich aufgeht, wird sich zwar frühestens im Sommer 2021 herausstellen, dem Stichdatum für die Aufnahme in den Einlagensicherungsfonds der privaten Banken.


Lesen Sie auch: Der Höllenritt - der radikale Plan von Cerberus


Stefan Ermisch ist aber schon jetzt voller Bewunderung für das Werk von Cerberus: "Die Art, sich nicht abschrecken zu lassen von dem, was der Mainstream meint." Auch die HSH Nordbank war ja in der öffentlichen Meinung schon vollends abgeschrieben.

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