16.01.2019 
50-Millionen-Mann Andrea Orcel zu teuer für Santander

"Ronaldo des Bankings" kassiert Absage in letzter Minute

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Banker mit Superstar-Status sind selten geworden, Investmentbanker zumal. Wenn so einem dann aber in letzter Minute die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, ist die Sensation perfekt.

Andrea Orcel (55) - Beiname "Ronaldo des Investmentbankings" - ist wieder auf dem Markt. Die spanische Großbank Santander, die den bisherigen Investmentbank-Chef der Schweizer UBS im vergangenen September zum neuen Konzernchef per Anfang 2019 erkoren hatte, hat ihr Jobangebot nun zurückgezogen.

Sie habe sich darauf gefreut, mit Orcel zusammenzuarbeiten, erklärte Santander-Präsidentin Ana Patricia Botín (58) in einer Pressemeldung am Dienstagabend. Leider aber habe sich die Ablöse für den Wunschkandidat im Nachhinein als zu teuer herausgestellt: "Es ist nun klar geworden, dass die Kosten, um Herrn Orcel für seine in den vergangenen sieben Jahren verdienten Aktienoptionen und andere frühere Bezüge zu entschädigen, eine Summe erheblich über den ursprünglichen Erwartungen des Aufsichtsrats zum Zeitpunkt der Berufung ergäben", teilt die Bank mit.

Auf 50 Millionen Euro beziffert die "Financial Times" unter Berufung auf Insider die Rechnung. Der Streit habe so viel Schockwirkung auf die Branche "wie sonst nur noch die Tatsache, dass Orcel überhaupt von Santander angeheuert wurde".

Damals hatte die "Financial Times" von Botíns Überraschung berichtet, dass der Italiener ihrem Angebot sofort zusagte. Kurz darauf hätte er den UBS-Aktionären eine Strategie für die Investmentbanksparte der Schweizer präsentieren sollen. Die UBS behandelte den Abtrünnigen als "Bad Leaver" und stellte ihn mit einer halbjährigen Karenzzeit vor Wechsel zur Konkurrenz frei. Dieser "Garden Leave" läuft noch bis April. Zugleich kassierte sie die noch nicht ausbezahlten Aktienoptionen aus Orcels UBS-Jahren seit 2012.


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Santander hatte offenbar gehofft, dass sowohl Orcel persönlich als auch die UBS nachgeben, indem der Italiener auf einen Teil seiner Ansprüche verzichtet und die Schweizer Bank einen Teil der einbehaltenen Aktien freigibt - mit dem Argument, dass die beiden Banken gar nicht direkt konkurrieren.

Santander wird in der Branche für seine Effizienz im Massengeschäft bewundert (Kostenquote: 47,5 Prozent der Erträge) - die Welt des Investmentbankings ist ihr fremd, die UBS-Spezialität Vermögensverwaltung ist auch nicht sein Ding. Ein teurer Chef würde weder zur Kostendisziplin noch zur politischen Stimmung in der spanischen Heimat passen. Andrea Orcel sollte als Santander-Chef ähnlich viel verdienen wie Vorgänger José Antonio Álvarez: rund fünf Millionen Euro im Jahr.

Allerdings meldet "El Confidencial" Zweifel an: Sonst sei Santander nicht immer so knauserig beim Toppersonal. Noch vor einem Jahr habe die Bank 48 Millionen Euro zurückgestellt, um Vizepräsident Matías Rodríguez Inciarte den Abschied zu versilbern. Der frühere Bankchef Javier Marín habe 2014 nach nur 15 Monaten im Amt 20 Millionen Euro bekommen, sein Vorgänger Alfredo Sáenz sogar eine Pension von 88 Millionen Euro. Den vom Fusionspartner Banco Central Hispano gekommenen Ángel Corcóstegui loszuwerden, war Santander 2002 sogar 108 Millionen Euro wert.

Für Ana Botín, die als Aufsichtsratschefin auch operativ eine starke Stellung hat, sollte die Berufung Orcels unterstreichen, dass sie mehr kann, als den Konzern auf Effizienz trimmen, und die Fantasie der Aktionäre für Wachstum anregen. In ihrer Amtszeit hat Santander bisher nur einen großen Deal gestemmt: die Notübernahme der spanischen Banco Popular für einen Euro.

Für ihren 2014 verstorbenen Vater Emilio Botín hingegen waren Käufe anderer Banken rund um den Globus die Essenz des Aufstiegs zum Finanzgiganten. Ständiger Begleiter war der damals für Merrill Lynch (nach Stationen bei Boston Consulting Group und Goldman Sachs) arbeitende M&A-Spezialist Andrea Orcel.

Sein Meisterstück war 2007 kurz vor Ausbruch der Finanzkrise der teuerste Bankendeal der Geschichte: die Übernahme der niederländischen ABN Amro für 72 Milliarden Euro durch ein Konsortium aus Santander, Royal Bank of Scotland und Fortis. Die Partner übernahmen sich damit: Fortis wurde aufgelöst, die RBS zum teuersten staatlichen Rettungsfall. Nur die von Orcel beratene Santander konnte ABN-Teile schnell mit Gewinn weiterverkaufen und sich die profitabelsten Geschäfte wie die in Brasilien schnappen - als einer der großen Krisengewinner in Europa.

Heute hält Ana Botín die Aktie von Santander für unterbewertet. Eine große Übernahme, um beispielsweise das vergleichsweise schwache US-Geschäft zu stärken, sollte die Sicht der Aktionäre ändern. Andrea Orcel wäre ihr Mann für diesen Job - doch nicht zu diesem Preis.

Trost für Santander: "Wir sind glücklich, dass José Antonio zugesagt hat, als CEO weiterzumachen." Das Geschäft kann also wie gewohnt laufen. Orcel hingegen muss sehen, ob er als einstiger Favorit für die umkämpfte Nachfolge von UBS-Chef Sergio Ermotti noch in Frage kommt.

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