05.03.2019 
Volvo will die Geschwindigkeit seiner Autos drosseln

Der geschickte Schachzug des Håkan Samuelsson

Ein Kommentar von

Volvo will die Geschwindigkeit seiner Autos auf 180 Stundenkilometer drosseln, damit die Zahl tödlich verunglückter Volvo-Fahrer gen null senken und eine Diskussion in Gang bringen. Das Motiv ist ehrenwert, hinter dem geschickten Vorstoß von Volvo-Chef Samuelsson steckt aber auch eine gehörige Portion Kalkül. Und schlimmstenfalls hat er die Rechnung ohne den Kunden gemacht.

Während man in Deutschland über ein Tempolimit auf Autobahnen diskutiert, wagt Volvo einen ungewöhnlichen Schritt und will die Höchstgeschwindigkeit seiner Autos drosseln. Ab 2020 sollen Neuwagen von Volvo nicht schneller als 180 Stundenkilometer fahren können.

Der schwedische Autobauer, der mit einer hohen Sicherheit seiner Fahrzeuge wirbt, wolle damit die Zahl tödlicher Unfälle seiner Autos gen Null senken und einen Beitrag zu mehr Verkehrssicherheit insgesamt leisten, sagt Volvo-Chef Håkan Samuelsson. Ein Tempolimit sei zwar kein Allheilmittel. Wenn dadurch aber auch nur ein Menschenleben gerettet werden könne, lohne sich der Schritt. Volvo Cars wolle mit seinem Vorstoß auch die Diskussion darüber in Gang bringen, ob Autobauer das Recht oder sogar die Pflicht hätten, mit der Technik in den Autos das Verhalten ihrer Fahrer zu verändern.

Das Motiv klingt aller Ehren wert, und auf die angestoßene Diskussion darf man gespannt sein. Denn der Vorstoß passt bestens in eine Zeit, wo Hersteller mit Stickoxid- und CO2-Grenzen kämpfen, Umweltprotagonisten Autos am liebsten ganz aus der Stadt verbannen würden und über den Beitrag des Straßenverkehrs zum Klimaschutz heiß gestritten wird.

Warum gerade 180 km/h?

Warum Volvo gerade 180 Stundenkilometer als künftige Höchstgeschwindigkeit für seine Neuwagen gewählt hat, bleibt allerdings sein Geheimnis. Dabei räumt der Hersteller durchaus ein, dass die meisten Verkehrstoten eben nicht durch zu schnelles Fahren verursacht werden: Die von Volvo zitierte Studie der US-Behörde für Straßenverkehrssicherheit beziffert für das Jahr 2017 den Anteil der Verkehrstoten infolge zu schnellen Fahrens an allen Unfalltoten auf 25 Prozent.

Zweifelsohne ist jeder Verkehrstote ein Toter zu viel. Doch bleibt die berechtigte Frage, wie ernsthaft Volvo seinen Vorstoß wirklich meint und ob dahinter nicht auch strategisches Kalkül steht, sich auf diesem Wege geschickt als Vorreiter einer Entwicklung zu inszenieren, die ohnehin in diese Richtung läuft.

Warum?

Zum einen sorgte Samuelsson schon einmal für Aufregung mit einer Ankündigung, als er im Sommer 2017 quasi die schwedische Elektroauto-Revolution ausrief, die bei genauerer Betrachtung aber keine war. Zum anderen dürften nach Einschätzung von Experten in der elektromobilen Zukunft Geschwindigkeiten deutlich jenseits von 200 km/h auch wegen des hohen Gewichts der E-Autos ohnehin der Vergangenheit angehören, sieht man mal von hochgezüchteten Elektro-Sportwagen ab.

Die Menschen kaufen weiter stärkere Autos

Sollte der schwedische Autobauer seine Pläne kommendes Jahr tatsächlich umsetzen, werden sich Volvo-Fahrer jedenfalls gehörig umstellen müssen: Denn derzeit erreichen Volvo-Modelle je nach Motorisierung Höchstgeschwindigkeiten von bis 250 Kilometer pro Stunde.

Womöglich aber hat Samuelsson die Rechnung auch ohne den Kunden gemacht. Tatsächlich ist der Trend zu stärker motorisierten und damit tendenziell schnelleren Autos ungebrochen: In Deutschland verkaufte Neuwagen verfügten im vergangenen Jahr im Schnitt über 153,4 Pferdestärken unter der Haube - und damit weitere 2 PS mehr als noch das Jahr zuvor.

Sicher, ausfahren muss man diese Leistung nicht. Vielen mag schon allein die Gewissheit genügen, dass man ja schneller fahren könnte wenn man wollte. Ob sie das auch bei einem von vornherein gedrosselten Auto so sehen, muss sich noch erweisen. Letztlich werden Volvo-Kunden entscheiden, ob Samuelsson mit seinem geschickten Vorstoß richtig liegt oder nicht.

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