06.03.2019 
Volkswagen-Vorstand dämpft Erwartungen

"Fahrerloses Auto zu teuer und komplex wie eine Mars-Mission"

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Voll entwickelte Roboterautos, die gänzlich ohne Fahrer auskommen, wird es frühestens in fünf Jahren geben, sagt Volkswagen Nutzfahrzeuge-Vorstand Thomas Sedran. Ein Geschäftsmodell im Privatkundenbereich kann er ob dieser langen Zeiträume und der extrem hohen Kosten aktuell nicht erkennen. Auch sei die Komplexität der Probleme enorm hoch - ähnlich wie bei einer bemannten Mars-Mission.

Volkswagen investiert bekanntlich enorme Summen in die Zukunftsfelder Elektromobilität, autonomes Fahren, Mobilitätsdienste und Digitalisierung. Laut Plan insgesamt 44 Milliarden Euro bis zum Jahr 2022. Gut 30 Milliarden davon sollen allein in das Feld Elektromobilität fließen.

Auch das Thema autonomes Fahren nehmen die Wolfsburger ernst, so warb der Konzern erst kürzlich einen Topmanager von Apple ab: Alexander Hitzinger (47) ist nicht nur Entwicklungsvorstand bei Volkswagen Nutzfahrzeuge, sondern soll auch das "Zentrum autonomes Fahren" bei dem Konzern aufbauen.

Dass es Volkswagen aber beim autonomes Fahren vielleicht nicht ganz so eilig hat wie auf anderen Zukunftsfeldern, lässt jetzt eine Aussage von Thomas Sedran erkennen, seines Zeichens Vorstandschef der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Auf der Genfer Automobilmesse sagte der Manager im Gespräch mit dem englischsprachigen Dienst der Nachrichtenagentur Reuters, dass komplett fahrerlose Fahrzeuge seiner Einschätzung nach frühestens in fünf Jahren voll entwickelt sein werden und auch schlicht zu teuer seien.

Völlig autonom fahrende Autos benötigen eine High-Tech-Infrastruktur, kostspielige Lidar- und Radarsysteme und ebenso nicht minder teure Vereinbarungen mit Anbietern von Cloud-Computing und Cloud-Kartierung - ausgereifte Technik auf höchstem Niveau also, das Fachleute auch als Level-5-Automatisierung bezeichnen. Die Komplexität der damit verbundenen Probleme verglich Sedran mit denen einer bemannten Mission zum Mars.

Nur wenige Städte werden notwendige Strukturen für Roboterautos haben

Eine ausgereifte mobile Infrastruktur, hochauflösende digitale und stets aktuelle Karten sowie perfekte Straßenmarkierungen als Voraussetzung für den Betrieb von Roboterautos werde es zwangsläufig nicht überall geben können. Allenfalls "nur in sehr wenigen Städten", führte Sedran in dem Gespräch weiter aus. Und selbst dann funktioniere die Technologie nach gegenwärtigem Stand der Dinge nur bei idealen Wetterbedingungen. Starkregen und große Pfützen etwa erforderten das Eingreifen eines Fahrers.

Angesichts der langen Zeiträume und der hohen Kosten für Roboterautos sei im Privatkundenbereich aktuell kein tragfähiges Geschäftsmodell zu erkennen, stellte Sedran klar. Schon für ein Auto mit einem Automatisierungsgrad Level 3 würde die Technologie für Sensoren, Prozessoren und Software derzeit rund 50.000 Euro verschlingen. "Es ist einfach zu teuer", so Sedran.

Das hört sich deutlich verhaltener an, als sich Konzernkollege Johann Jungwirth vor etwa 17 Monaten noch geäußert hatte. Im Interview mit manager-magazin.de sagte der Chief Digital Officer: "Selbstfahrende Autos werden ein superprofitables Geschäft für Volkswagen." Der Manager zeigte sich in dem Interview auch davon überzeugt, dass komplett autonom fahrende Fahrzeuge von Volkswagen bereits im Jahr 2021 in fünf Städten zum Einsatz kommen würden.

Die milliardenschweren Entwicklungskosten sind es vor allem auch, die die Rivalen BMW und Daimler jetzt zu einer Allianz in Sachen Roboterauto und autonomes Fahren veranlasst hat. Die stärksten Rivalen im Premiumautogeschäft teilen sich bei ihrer Roboterauto-Allianz zum einen die hohen Entwicklungskosten. Zum anderen aber wollen sie auch schneller vorankommen, denn Googles Tochter Waymo hat bei der Technologie durch längere Erprobung die Nase vorn, sagen Experten.

Dem Vernehmen strebt auch Volkswagen eine Kooperation in den Zukunftsfeldern autonomes Fahren und Roboterautos an. So sei eine Beteiligung an der Ford-Sparte für autonomes Fahren denkbar. Entschieden sei hier aber noch nichts, hießt es Mitte Januar.

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