21.03.2019 
Aufregung um Nazi-nahe Wortwahl des VW-Chefs

"Ebit macht frei" - Investoren zweifeln an Diess' Urteilsvermögen

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Die Wortwahl war falsch und unselig - nun bringt sie Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess (60) heftige Kritik von Investoren ein. Bei einem Führungskräftetreffen Mitte März verwendete Diess mehrfach die Formulierung "Ebit macht frei". Der Slogan erinnerte Zuhörer an den Schriftzug "Arbeit macht frei", den die Nationalsozialisten an den Eingängen mehrerer Konzentrationslager anbrachten.

manager-magazin.de berichtete vergangene Woche exklusiv über die Entgleisung. Diess entschuldigte sich auf Anfrage für seine "sehr unglückliche Wortwahl". Es tue ihm außerordentlich leid, sollte er damit unbeabsichtigt Gefühle verletzt haben, erklärte der VW-Konzernchef.

Diess' Aussagen wurden von internationalen Medien aufgegriffen - und haben nun ein unangenehmes Nachspiel: Gegenüber der Wirtschaftszeitung "Financial Times" (FT) kritisierten mehrere Investoren die Wortwahl scharf - und stellten indirekt Diess' Zukunft im Konzern infrage. Allerdings zitiert die "FT" auch kleinere Investoren und einen Corporate-Governance-Experten, die keinen Rücktrittsgrund sehen.

"Ich glaube, dass er gefeuert werden wird", erklärte etwa ein institutioneller Investor aus den USA gegenüber der "FT". Allerdings sei er darüber "hin- und hergerissen". Einerseits sei Diess einer der wenigen Manager, die den Konzern in die richtige Richtung bewegen könnten. Andererseits sei die Aussage "so anstößig, dass ich nicht glaube, dass er sich überhaupt dafür entschuldigen kann".

"Sehr verärgert und schockiert" seien er und seine Kollegen, sagte ein weiterer Investor der Wirtschaftszeitung. Man habe große Hoffnungen gehegt für Diess' ehrgeizige Strategie und seinen Fokus auf die Kosten. Aber jetzt stehe sein Urteilsvermögen infrage. Max Warburton, Analyst der Investmentbank Bernstein, befand, dass eine Managementveränderung bei VW nun "ein bedeutendes Risiko" sein könne.

Kleinaktionärsschützer Ulrich Hocker vom Verband DSW nannte Diess' Aussagen gegenüber der "FT" "unmöglich". Einen solchen Satz könne man in Deutschland nicht sagen. Auf der Hauptversammlung im Mai will Hocker deshalb eine weitere Entschuldigung von Diess fordern. Ob die Entgleisung allerdings einen Rücktritt rechtfertige, darüber war Hocker unentschlossen.

Corporate-Governance-Experte stärkt Diess den Rücken

Kritik kam auch von einem ungenannten früheren Volkswagen-Manager. Die Äußerung sei "historisch ein Desaster", sagte er der Zeitung, und noch in einem weiteren Aspekt problematisch: Sie zeige, dass Diess vor allem Gewinne wichtig sein. Das dürfte VWs Betriebsratschef Bernd Osterloh ein starkes Argument verschaffen - um zu zeigen, dass Diess die Jobsicherung nicht so wichtig ist.


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Bislang hat der Betriebsrat sich in der aktuellen Episode mit Kritik zurückgehalten, berichtet die "FT". In einer internen Mitteilung sollen die Betriebsräte die "sofortige Klarstellung und ausdrückliche Entschuldigung" von Diess begrüßt haben. Auf einer großen Betriebsversammlung am Mittwoch lieferte sich Osterloh einen offenen Schlagabtausch mit Diess - ohne auf dessen Ebit-Äußerung einzugehen.

Auch zahlreiche Kleinaktionäre sehen in dem Vorfall wohl eher einen unglücklichen Fehler als einen Rücktrittsgrund. Ein US-Kleinaktionär erklärte gegenüber der "FT", Diess sei das Beste, was VW in den vergangenen 50 Jahren passiert sei.

Abberufung wäre "ziemlicher Fehler"

Unternehmensführungs-Kenner Christian Strenger, Gründungsmitglied der Corporate Governance Kommission der Bundesregierung, stärkte Diess in der Zeitung den Rücken. Eine Abberufung nach der Entschuldigung wäre "ein ziemlicher Fehler". Denn Diess habe die Eigentümerfamilien Porsche und Piech "ziemlich erfolgreich" zu Reformen bewegt. In den vergangenen Jahren hatte Strenger den VW-Konzern auf den Hauptversammlungen oft heftig kritisiert.

Eine Abberufung von Diess aufgrund der Affäre scheint aber auch aus einem anderen Grund unwahrscheinlich: Selbst größere institutionelle Investoren halten nur Minderheitsanteile an VW. Sie verfügen nicht über genügend Stimmrechte, um einen eigenen Vertreter im Aufsichtsrat zu haben, der Diess in ihrem Geheiß aus dem Amt drängen könnte.

Denn die Machtverhältnisse bei Volkswagen sind ebenso klar und eindeutig, wie sie CSR-Experten unangenehm sind: Die Familien Porsche und Piech halten über die Holding Porsche SE 52,2 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen. Das Land Niedersachsen kommt auf ein Fünftel, Großaktionär Katar auf 17 Prozent. Für die übrigen Aktionäre bleiben zusammen nur mehr 10,8 Prozent der Stimmrechte übrig.

Herbert Diess hat also von Aufsichtsratsseite keinen Aufstand zu befürchten. Die öffentliche Aufregung dürfte der VW-Chef überstehen und auf Zeit setzen. Auf der Hauptversammlung im Mai wird er sich möglicherweise ein paar unangenehmen Fragen stellen müssen. Doch danach dürfte sich die Aufregung legen - sofern er sich nicht nochmals massiv im Ton vergreift.

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