04.04.2019 
Das erste türkische "Volksauto" wird wohl ein Elektro-SUV

"Das wird ein Auto für die Türkei, nicht für Übersee"

Ein Interview von
Fiat

3. Teil: "Bei der Ladeinfrastruktur ist noch unheimlich viel zu tun"

Ist bereits klar, wo das Nationalauto gebaut werden soll?

Wahrscheinlich ist, dass ein bereits bestehendes türkisches Autowerk für diesen Zweck in Beschlag genommen wird. Es gibt bereits Autowerke in der Türkei, wo Fahrzeuge mehrerer unterschiedlicher Marken in einer Fabrik hergestellt werden. Das würde die hohen Baukosten für ein komplett neues Werk auf der grünen Wiese vermeiden.

Gibt es bereits erste Ankündigungen zu den beabsichtigten Stückzahlen?

Das Konsortium plant offenbar für die ersten Jahre mit unter hunderttausend Fahrzeugen pro Jahr. Das wird ein Auto für die Türkei, nicht für Übersee. Wir wollen mit dem Auto nicht die Weltmärkte erobern, da sind wir schon etwas bescheidener. Am Anfang sollte man das Fahrzeug erstmal in der Türkei gut verkaufen und erst später an den Export denken.

Soll der Wagen in Zusammenarbeit mit internationalen Autoherstellern entstehen, oder will das Konsortium das komplette Auto selbst in der Türkei entwickeln?

Es ist kein ideologisches Projekt, um zu zeigen, dass wir sämtliche Schrauben und Autoteile vor Ort selbst produzieren können. Herr Karakas und sein Team sind weltoffen. Ausländische und speziell deutsche Firmen werden mitentscheidend sein für gewisse Teile. Es wird ein türkisches Auto, aber mit Unterstützung und Know-How ausländischer Firmen. Soweit ich weiß, spricht das Konsortium mit jenen ausländischen Unternehmen, die bereits in der Türkei produzieren. Unter unseren Mitgliedern sind etwa deutsche oder französische Zulieferer, die dafür in Frage kommen. Als Chef der türkischen Zulieferer glaube ich an das Projekt. Es ist für uns auch eine Chance, unsere Fähigkeiten zu zeigen.

Das asiatische Schwellenland Vietnam hat seit kurzem mit Vinfast eigene nationale Automarke. Deren Modelle entstehen auf Basis von älteren BMW-Plattformen, das Design stammt von Pininfarina, die Produktionsanlagen für die Wagen kommen großteils aus Deutschland. Ist eine solche internationale Zusammenarbeit ein mögliches Vorbild für das türkische Nationalauto?

So eine Vorgangsweise haben wir vor einigen Jahren schon einmal versucht. Da hat die türkische Regierung die Rechte für ein älteres Saab-Modell gekauft und wollte damit ein Nationalauto bauen. Das funktionierte nicht. Konsortiums-Chef Karakas hat ein anderes Konzept, das mir gefällt. Er will von Grund auf ein neues Modell entwickeln. Bei Elektroautos werden die Karten neu gemischt, heute kann man leichter ein komplett neues Auto bauen. Wenn man ein älteres Modell als Basis nimmt, ist das Auto auch schneller technisch überholt.

Wenn das türkische Nationalauto mit Elektroantrieb erfolgreich sein soll, muss die Türkei jedoch enorm bei Ladesäulen aufholen. Aktuelle Statistiken weisen in der ganzen Türkei gerade mal 100 Ladesäulen aus. Zum Vergleich: Alleine in Düsseldorf stehen über 200 Ladestationen. Wer soll den Infrastrukturaufbau in der Türkei steuern?

Die Ladeinfrastruktur ist der Türkei noch sehr schlecht. Da ist noch unheimlich viel zu tun. Noch stehen sehr viele Leute in der Türkei dem Nationalauto-Projekt sehr skeptisch gegenüber. Auch in zahlreichen Ministerien glauben Beamte noch nicht an das Nationalauto und warten ab, wie es vorangeht. Die wollen erst dann anfangen mit dem Ausbau von Ladesäulen. Derzeit ist das Elektroauto-Laden noch ein Desaster. Statt auf den Bau des Autos zu warten, müssten sich viele Leute noch mehr Mühe geben, um die Ladeinfrastruktur in der Türkei zu verbessern. Doch wenn wir ein paar Schritte machen und sehen, dass das türkische Nationalauto vorankommt, dann kommt der Wind. Dann wird auch der Ausbau der Infrastruktur schneller gehen.

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