31.07.2017 
"Serienfertigung" des Model 3 startet

Von wem Tesla jetzt Gefahr droht

Eine Meinungsmache von Bertel Schmitt

Deutschlands Autobauer stecken tief im Diesel-Schlamassel, der E-Auto-Rivale aus Kalifornien trumpft auf und greift mit dem Model 3 erstmals auch im Massengeschäft an. Doch Vorsicht ist geboten: Die Tesla-Story ist nicht so makellos, wie sie scheint. Gefahr droht Elon Musk ausgerechnet von einem Deutschen.

Die deutsche Autoindustrie hat Grund, sich in Dankbarkeit vor Tesla-Chef Elon Musk zu verneigen: Bis Freitagnacht war Deutschlands einstige Vorzeigebranche in Sachen Dieselkrise noch von einer schlechten Nachricht ("Audi tauscht halben Vorstand aus") zur anderen ("Bosch beteiligt an Abgasskandal") getaumelt, da kam pünktlich zum Samstagmorgen endlich die Erlösung.

Mitten in der Nacht nach deutscher Zeit wurden in Kalifornien 30 handgefertigte Exemplare von Teslas lang erwartetem Model 3 an ebenso viele Werksangehörige ausgeliefert. Die Schmach Deutschlands trat in den Hintergrund - zumindest medial und vorübergehend. Bei Tesla dagegen ist es anders herum. Jetzt sind alle Augen auf Tesla gerichtet - und dort hat der Ärger gerade erst begonnen.

Bertel Schmitt
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    Bertel Schmitt
    Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen. 40 Jahre lang war er der Kopf hinter dem "Merkheft" von Zweitausendeins. Der gebürtige Bayer lebt in Tokio, arbeitet für das Onlineportal TheDrive und betreibt zusammen mit seinem Partner Ed Niedermeyer den Industrie-Blog Dailykanban.com.

Seit Samstag verdrängen Musk und seine 30 batteriebetriebenen Vorserienmodelle die Herren Müller, Zetsche und Krüger sowie ihre Defeat-Device-bestückten Dieselfahrzeuge aus den Schlagzeilen. Was die deutschen Autobosse und ihre PR-Berater ausnahmsweise mal vollinhaltlich begrüßen dürften. Eine kurze Atempause für die Sorge, dass Dieselgate und Car-Kartell den Ruf der Marke "Made in Germany" dauerhaft beschädigen könnten.

Sogar in Deutschland stand es schlagzeilenmäßig am Sonntag 3:1 für Musk und seine 30 Autos, obwohl uns Wolfsburg, Stuttgart und München näher liegen als Fremont, Kalifornien. Selbst "Bild" sprach ausnahmsweise nicht zuerst mit dem Toten, sondern "fuhr das begehrteste Auto der Welt." Mit im Bild: "Bild"-Reporter Hauke Schrieber, demütig kniend vor Elon Musks neuer Wundertat, dem Model 3. Was soll's, dass es vorher bei der zehnminütigen Probefahrt hieß: "Fotografieren verboten. Mögliche Macken dieser ersten Autos, die hier in Fremont vom Band rollen, sollen nicht um die Welt gehen."

Von wegen Serienfertigung - beim Model 3 hat eher die Vorserie begonnen

Schon die Plattitüde mit dem "vom Band rollen" war überrissen. "In der Anfangszeit werden die Fahrzeuge fast vollständig handgefertigt sein", sagte Gartner-Analyst Mike Ramsey meinem Kollegen Alan Ohnsman bei "Forbes". Vermutlich deshalb waren bei der Tesla-Feier auch keine Pressekameras in den Werkshallen erlaubt. Nichts war es mit dem obligatorischen Schuss auf die neuen Autos, die beim feierlichen Produktionsanlauf durch einen lichtüberströmten Endabnahmetunnel rollen, hinauf auf wartende Laster und dann ab zum Händler.

Teslas angebliche Serienfertigung läuft im Kriechgang. Ganze 50 Autos wurden gebaut, seit am 7. Juli das erste "Serienfahrzeug" des Model 3 vorgestellt wurde. In einer ordentlich laufenden Serienfertigung rollen etwa 50 Autos pro Stunde vom Band.

Was bei Tesla momentan passiert, kennen Automobilexperten unter dem Begriff "Vorserie". Das ist eine durchaus wichtige Phase für einen von Anfang an mackenfreien Produktionsbeginn. Nur eben vorher.

Vor einigen Wochen saß ich mit Wolfgang Ziebart zusammen, Europas Anti-Musk. Ziebart arbeitet zurzeit intensiv an der Vorserie des Jaguar i-Pace, ein Elektroauto, das Ziebart wenn nicht als "Tesla-Killer", dann doch als "Tesla-Bezwinger" verstanden haben will. Der 66-Jährige ist kein Auto-Novize wie Musk. Er war Entwicklungschef bei BMW , ging dann zu Continental , war Chef des Chipherstellers Infineon , bis ihn der Magnetismus des Autogeschäfts zu Jaguar zog.

Ziebarts i-Pace wurde, ähnlich wie Teslas Model 3, 2013 geboren, bei einem Abendessen mit Jaguar-Chef Ralf Speth. Die Prototypen des i-Pace wurden ziemlich zeitgleich mit denen des Model 3 fertig, im Februar dieses Jahres. Warum kann der Tesla jetzt "vom Band" laufen, während man sich bei Jaguar bis "Anfang 2018" (so die offizielle Sprachregelung) Zeit lässt?

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