21.03.2019 
Schwedisches Sicherheitsdenken

Volvo will Betrunkene vom Fahren abhalten - per Innenraumkamera

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Das Ziel klingt eigentlich grundvernünftig, die Vorgehensweise dürfte allerdings Bevormundungs-Diskussionen auslösen: Niemand soll mehr in einem neuen Volvo-Modell getötet werden, postuliert die schwedische Automarke in ihrer Vision 2020. Schon der erste Schritt der Schweden sorgte für Aufsehen: Ab kommendem Jahr soll kein Volvo-Neuwagen schneller als 180 km/h fahren können, kündigte die zum chinesischen Autobauer Geely gehörende Automarke Anfang März an - eine Maßnahme, die insbesondere in Deutschland heftig diskutiert wurde.

Nun legen die Schweden bei Sicherheitsmaßnahmen nach, um sich noch stärker als besonders sicherer Autohersteller zu positionieren. Anders als deutsche Hersteller sind man bei Volvo allerdings durchaus gewillt, individuelle und falsche Entscheidungen von Fahrern aus Sicherheitsgründen künftig zu unterbinden - wie die Vorstellung von Firmenchef Håkan Samuelsson am Mittwoch zeigte.

Ziel ist es, die häufigsten Unfallursachen wie Ablenkung, Drogeneinfluss mit einem komplexen Zusammenspiel von Kameras und Sensoren zu unterbinden. Dazu gehört auch die ständige Beobachtung des Fahrers im Fahrzeuginnenraum. Smarte Kameras sollen überwachen, ob der Fahrer seinen Blick nach vorn gerichtet hat und gegebenenfalls ein Warnsignal geben.

Das System soll aber auch fehlende Lenkbewegungen über einen längeren Zeitraum erkennen, oder geschlossene Augen, das Fahren von Schlangenlinien sowie extrem lange Reaktionszeiten. Daraus will Volvo dann etwa erkennen, ob der Fahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht - und mögliche Gegenmaßnahmen einleiten. Ein solcher Eingriff könnte etwa eine Geschwindigkeitsreduzierung sein, eine Benachrichtigung an die Volvo On-Call-Einsatzzentrale - oder letztlich sogar das komplette Abbremsen samt Parken. Immerhin: Von einer automatischen Benachrichtigung der Polizei bei Verdacht auf Alkoholisierung ist bei Volvo nicht die Rede.

"Die Frage ist, wie weit ein Autobauer Big Brother sein sollte"

"Wenn es um Sicherheit geht, wollen wir lieber Unfälle vermeiden, statt ihre Folgen zu reduzieren", erklärte Volvo-Entwicklungschef Henrik Green. Das künftige Fahrerüberwachungssystem solle dem Fahrzeug helfen, aktiv Entscheidungen zu treffen. Volvo wolle damit sicherstellen, dass Menschen nicht durch Alkohol- und Drogeneinfluss in Gefahr geraten, hieß es.

Auf den Markt bringen will Volvo sein Sicherheitssystem Anfang der 2020er-Jahre - mit der nächsten Generation seiner Plattform. Wann genau, blieb erst mal ebenso offen wie die genaue Anzahl der Kameras und deren Positionierung im Innenraum.

Auch Volvos Konkurrenten überwachen ihre Fahrer im Innenraum: Sogenannte Aufmerksamkeitsassistenten gibt es schon länger bei Mercedes und BMW, aber auch bei Hyundai. Sie empfehlen Pausen, wenn die Lenkbewegungen unregelmäßig oder die Augenlider schwer werden. Allerdings warnen sie nur per Warnton, ein komplettes Abbremsen und Parken bei erkannten Problemen ist bislang in solchen Systemen nicht vorgesehen.

Den Schweden ist aber durchaus bewusst, dass ihr Überwachungs-Vorstoß auch kritisch gesehen werden dürfte. Zumal Volvo außerdem an Systemen arbeitet, die automatisch die Geschwindigkeit drosseln, wenn die Straßenverhältnisse schlecht sind oder man zum Beispiel an einer Schule vorbeifährt.

"Wir können das Auto eingreifen lassen, wenn der Fahrer schlecht fährt", führte Volvo-Chef Samuelsson aus. "Doch die Frage ist, wie weit ein Autobauer Big Brother sein sollte." Volvo wolle mit den Innovationen zu einem Dialog anregen. Das dürfte - besonders in Deutschland - nicht allzu schwerfallen.

In den USA versprechen auch mehrere Start-ups, mit ihrer Technik für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen zu können. So hat etwa das Jungunternehmen Nauto ein Gerät entwickelt, das mit Kameras sowohl die Verkehrssituation vor dem Wagen als auch die Aufmerksamkeit des Fahrers im Wageninneren erkennt und analysiert. Diese Daten sollen etwa Taxiflottenmanagern dabei helfen, welche ihrer Fahrer Schulungen benötigen. Ins Fahrgeschehen eingreifen können solche Geräte - anders als bei Volvo geplant - jedoch nicht.

mit Material von dpa

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