09.10.2019 
Manager-Kehraus in Japan und Frankreich

So löschen Nissan und Renault das bleierne Ghosn-Erbe

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Carlos Ghosn, der Architekt der über viele Jahre sehr erfolgreichen japanisch-französischen Autoallianz: Zweimal festgesetzt, nun bereitet er sich auf den für sein weiteres Leben entscheidenden Gerichtsprozess vor. Sein Nachfolger in Japan: Vor einem Monat zurückgetreten wegen eines Gehaltsskandals, durch den er über Umwege besser bezahlt wurde als vorgesehen. Renaults Topmanager in Frankreich: Wechselten zuletzt in Scharen zum Rivalen PSA.

Knapp elf Monate sind vergangen, seit der einst so mächtige Automanager Carlos Ghosn in Japan festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt wurde. Seitdem befinden sich Renault und Nissan, die beiden ungleichen Partner, im Ausnahmezustand. Zwar beteuerten Nissan und Renault wiederholt, an der Partnerschaft festhalten zu wollen, die sie im Verbund mit Mitsubishi zum zeitweise weltgrößten Autohersteller gemacht hat.

Doch die Realität sah zuletzt anders aus. Ende Mai etwa plante Renault einen Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Fiat Chrysler Automobiles. Nissan stellte sich zwar nicht komplett quer, forderte aber eine lange Abnabelungszeit. Letztlich scheiterte der Deal auch an denBedenken des französischen Staates. Die Japaner haben derzeit für sich genommen ohnedies andere Sorgen: Ihr Absatz im wichtigen Markt USA schwächelt, auch in Europa läuft es nicht rund.

Nun müht sich Nissan um mehr Ruhe in der Chefetage - und einen personellen Neuanfang nach der Ära Ghosn. Zwischenzeit-Boss Hiroto Saikawa, Ghosns langjähriger Vertrauter, nahm im September seinen Hut. Nun haben die Japaner ihren dritten CEO in drei Jahren berufen: Ab 1. Januar tritt Makoto Uchida sein Amt an, der 53-jährige leitet bislang Nissans China-Geschäft.

Studierter Theologe wird CEO - und bekommt einen Sidekick von Renault

Doch der neue Nissan-Chef ist in mehreren Punkten eine eher ungewöhnliche Wahl für den Top-Job bei dem japanischen Autohersteller. Zum einen ist der neue Nissan-Chef den Aussagen zufolge in Gesprächen direkt und komme schnell auf den Punkt. Das Englisch des außerhalb Japans aufgewachsnenen Uchida soll exzellent sein. Anders als viele Topmanager bei dem Autohersteller hat Uchida auch nicht sein ganzes Arbeitsleben bei Nissan verbracht, sondern bis 2003 bei einem japanischen Handelshaus gearbeitet. Studierter Theologe ist er auch noch, was für einen Topmanager in der Autobranche ein eher ungewöhnlicher Background ist.

Er sei ein "Ausländer mit einem japanischen Gesicht", beschrieb ihn ein langjähriger Wegbegleiter gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Und Uchida bekommt noch einen Mann als Chief Operating Officer an die Seite gestellt: Den gebürtigen Inder Ashwani Gupta. Der 49-Jährige leitete zuletzt das operative Geschäft bei Mitsubishi, war davor aber länger für Nutzfahrzeuge in der Allianz und direkt bei Renault zuständig und führte auch mal die Sparte Globale Einkaufsstrategie von Renault.

Ein Manager-Outsider - für japanische Verhältnisse zumindest - und ein langjähriger Renault-Allianzmann: Diese Besetzung werden Unternehmensbeobachter als "Sieg für die Allianz", wie es einer ausdrückte. Beide, so heißt es, kennen das Geschäft gut und könnten den angeschlagenen Autobauer wieder zurück zum Erfolg verhelfen. Die Verwaltungsräte bei Nissan haben einstimmig für beiden Neubesetzungen gestimmt.

Stuhl von Renault-Chef Thierry Bolloré wackelt gehörig

Was von den beiden erwartet wird, machte Nissan-Chairman Yasushi Kimura klar: "Starke Führungsqualitäten" seien notwendig. Und eine "Gruppenführung, bei der sich alle gegenseitig unterstützen, wird transparenter sein". Ein Auftrag der beiden Manager ist es wohl, die zuletzt eher brüchigen Bande zu Renault wieder zu stärken.

Auch bei Renault ist einem Bericht von Automotive News Europe zufolge im Management einiges in Bewegung. Zuletzt wechselten etwa Renaults Marketingchef Thierry Koskas und Allianz-Vizepräsident Arnaud Deboeuf, ein enger Vertrauter von Ghosn, zum Rivalen PSA. Ein wichtiger Ghosn-Protegé ist aber nach wie vor im Amt: Der aktuelle Renault-CEO Thierry Bolloré. Nissan habe allerdings wenig Vertrauen in Bollore, schreibt die französische Zeitung "Les Echos".

Und das Verhältnis zwischen Bolloré und Renault-Aufsichtsratschef Jean-Dominique Senard wird in der konservativen Zeitung "Le Figaro" als "gerade noch höflich" beschrieben. Nach dem Kehraus bei Nissan steige nun der Druck auf Senard, bei Renault endlich reinen Tisch zu machen und die Ghosn-Günstlinge abzuservieren, heißt es in den französischen Zeitungen. Bolloré soll deshalb kurz vor seiner Ablösung stehen. Laut "Figaro" dürfte Senard bei der nächsten Aufsichtsratssitzung am 18. Oktober vorschlagen, einen Nachfolger für Bolloré zu suchen.

Vielleicht kehrt ja somit in den nächsten Monaten auch etwas mehr Ruhe bei Renault ein. Die Saga rund um versteckte Lohnzahlungen, üppige Firmen-Apanagen für Appartements und angebliche Firmenfonds zeigt aber eines: Japanischen und französischen Autokonzernen fällt die Aufarbeitung von Skandalen ebenso schwer wie etwa einem großen deutschen Konkurrenten. Wie schwer klare Schnitte und die Abgrenzung zur Vergangenheit sind, davon kann auch der Volkswagen-Konzern ein Lied singen.

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