15.05.2019 
Ringen um den Chefposten von Nissan

Machtkampf zwischen Managern von Renault und Nissan

In der Autoallianz von Renault und Nissan tobt hinter den Kulissen ein Machtkampf. Der zweitgrößte französische Autobauer zieht offenbar die Fäden, um einen Wechsel an der Nissan-Spitze herbeizuführen - und so die Gespräche über eine Fusion mit den Japanern in Gang zu bringen. Jean-Dominique Senard, der Carlos Ghosn im Januar als Vorsitzender des Renault-Verwaltungsrats abgelöst hat, betrachte Nissan-Chef Hiroto Saikawa als Hemmschuh, um den Plan umzusetzen, sagten mehrere Insider der Nachrichtenagentur Reuters.

Um die Dinge voranzubringen könnte es nötig werden, "die Seite in der Ära Saikawa umzuschlagen", heißt es aus dem Umfeld der Renault-Führung. Weder Nissan noch Renault wollten sich dazu äußern.

Der Druck auf den Nissan-Chef hat durch die jüngsten Ertragsprobleme noch zugenommen. Darüber ist man sich bei Nissan im Klaren. Renault werde mit Hinweis auf die schwache Entwicklung weiterhin auf Gespräche dringen, sagte ein Manager aus Saikawas Umfeld nach der Bilanz-Präsentation am Dienstag. "Sie haben heute schon wieder angefangen." Der japanische Konzern hatte nach einem operativen Gewinneinbruch um 45 Prozent im abgelaufenen Geschäftsjahr für die seit März laufende aktuelle Periode einen weiteren Rückgang um 28 Prozent in Aussicht gestellt.

Diese Fragen dürften auch ein Treffen des Nissan-Managements am Mittwoch beherrscht haben, bei dem eine für den 20. Mai angesetzte Vorstandssitzung vorbereitet werden sollte, sagten drei mit der Sache vertraute Personen. Nissan führt die Verhaftung von Carlos Ghosn im November als Grund für die schwächeren Geschäfte an. Dadurch hätten sich die Kunden abgewandt. Die Verkäufe seien zurückgegangen, was sich auf den Gewinn ausgewirkt habe. Saikawa sprach zuletzt sogar vom "negativen Erbe unseres alten Führers".

Der einst mächtige Autoboss Ghosn befindet sich derzeit gegen Kaution auf freiem Fuß. In Japan muss er sich demnächst in einem Gerichtsverfahren wegen mutmaßlicher finanzieller Verfehlungen und angeblicher Bereicherung auf Kosten von Nissan verantworten. Ghosn bestreitet jegliches Fehlverhalten. Er sieht hinter den Beschuldigungen vielmehr ein Komplott des Nissan-Managements gegen ihn, um die angestrebte Fusion mit Renault zu verhindern. Ghosn hatte Nissan einst vor der Pleite gerettet und war Architekt und Motor der Allianz, zu der auch Mitsubishi gehört.

Saikawa hat Lunte gerochen

Sein Nachfolger bemüht sich um ein stärkeres Gleichgewicht in der Allianz und bekräftigt bei jeder Gelegenheit seine Abneigung gegen eine engere Bindung, wie sie Senard vorschwebt. Die Bemühungen von Renault um eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses werden in Japan mit Argusaugen beobachtet. Saikawa selbst hat davon längst Wind bekommen und sagte jüngst mit Blick auf Senards Vorstoß: "Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass seine Meinung in dieser Angelegenheit anders als meine ist." Der Zeitpunkt seiner Nachfolge als CEO von Nissan sei "eine Angelegenheit, die ich entscheiden muss", fügte er hinzu.

Senard war es nach Ghosn Ausscheiden bei Renault zunächst gelungen, die Spannungen mit Nissan zu lösen. Der Konflikt flammte aber wieder auf, nachdem ein von Renault unterstützter Plan für eine gemeinsame Dachgesellschaft in der japanischen Presse durchgesickert war. In dieser Holding sollten die gegenseitigen Aktienanteile, nach denen bisher Renault stärker an Nissan beteiligt ist als umgekehrt, in einem ausgewogenen Verhältnis in die gemeinsame Gesellschaft eingebracht werden.

Senard will dadurch das Patt auflösen, das durch eine Vereinbarung aus dem Jahr 2015 zwischen den beiden Konzernen herrscht. Dadurch wird die Kontrolle von Renault über Nissan eingeschränkt. "Wir befinden uns derzeit in einer eher geschwächten Version eines Bündnisses", sagte eine Person aus dem Umfeld von Senard. "Die einzigen, die sich über diese Situation freuen können, sind unsere Konkurrenten." Um die Probleme zu überwinden, sei eine engere Bindung nötig.

Analysten sehen die Aktien der beiden Autokonzerne unterbewertet, weil Nissan die Bilanz von Renault belastet. Die operative Schwäche von Renault und Nissan im Vergleich zu den jeweiligen Konkurrenten werfe die Frage auf, was die beiden Konzerne von ihrer Allianz tatsächlich gewönnen, schreibt Arndt Ellinghorst vom Investmenthaus Evercore in einem Kommentar. Er spricht sich dafür aus, die Beziehungen ins Gleichgewicht zu bringen. Eine Scheidung wäre zu teuer, weil Synergien verloren gingen, und zudem kaum machbar, weil viele Fahrzeuge auf gemeinsamen Plattformen stehen.

Frank Schwope von der NordLB glaubt nicht, dass sich der Widerstand der Japaner auflösen lässt. Eine Fusion wäre aus Unternehmenssicht sicherlich wünschenswert, sagt der Autoanalyst. "Aber dafür sind die Befindlichkeiten der Japaner und der Franzosen zu weit voneinander entfernt. Die Japaner werden alles daran setzen, nicht übernommen zu werden."

von Laurence Frost, Naomi Tajitsu und Jan Schwartz, Reuters

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