21.02.2019 
Kleinstauto-Konzept Citroën Ami One

Der Zauberwürfel

Von Michael Specht, Spiegel Online
Citroen

Quadratisch, elektrisch, klug: Mit dem Ami One Concept zeigt Citroën auf dem Genfer Autosalon einen neuen Ansatz innerstädtischer Mobilität. Nur fühlt man sich irgendwie an Peugeot erinnert.

Wer wochentags zur Rushhour Paris im Auto durchqueren oder in dieser Stadt gar einen Parkplatz finden will, zweifelt nicht mehr, dass hier eine neue Art von Mobilität gebraucht wird. Zweifeln tut man höchstens am Verstand der Autofahrer, die sich weiterhin in ihren viel zu großen Gefährten durch die City quälen.

Dieses Problem haben viele Städte, die Autohersteller ringen um Lösungen gegen den Verkehrsinfarkt. Wie die französische Lösung aussehen könnte, hat jetzt der Autofabrikant Citroën gezeigt: "Ami One" heißt die Studie und ist ungewöhnlich. Der Zweisitzer sieht aus, als hätte Lego einen Kubus auf Rädern erdacht: 2,50 Meter kurz und jeweils 1,50 Meter breit und hoch.

Kenner der Citroën-Markenhistorie werden beim Namen "Ami" hellhörig. So hieß schon einmal ein Fahrzeug der Franzosen, ein Derivat der berühmte "Ente", das höchst skurril aussah: Mit glupschäugigen Scheinwerfern und einer schräg nach vorn eingezogenen Heckscheibe. Doch mit ihm hat der Ami One so wenig zu tun wie ein Röhrenfernseher mit einem OLED-Flachbildschirm.

Elektrisch - na klar

Selbstverständlich soll er elektrisch angetrieben sein - für freie Fahrt durch alle Verbotszonen. Trotz seiner winzigen Größe wirkt der Ami One robust und setzt sich damit deutlich vom Renault Twizy ab. Zudem sitzen im Citroën die Insassen nebeneinander und sind vor Wind und Wetter geschützt. Die Batterie soll für 100 Kilometer Strom liefern und nach zwei Stunden an einer öffentlichen Ladesäule wieder gefüllt sein. Mehr verrät Citroën an technischen Daten nicht.

Überhaupt ist Citroën bei der Präsentation des Ami One sichtlich bemüht, den Ball flach zu halten. Noch sei dieses Gefährt eine "reine Studie", betont Citroën-Vorstandschefin Linda Jackson. Gleichzeitig ist sie sich sicher, dass der Ami One "das Potenzial zu einer urbanen Ikone" hat. Um dann wieder zu bekräftigen: "Es gibt keinerlei Beschlüsse, ob und wann wir ein solches Auto bauen werden."

Interessant ist das Konzept allemal. Es besetzt zudem eine Nische, in die sich bislang noch kein anderer großer Hersteller getraut hat. Weil das City-Car nicht als vollwertiges Auto gilt, sondern mit seinen 425 Kilogramm in die L6e-Kategorie (Leichtkraftfahrzeuge bis 45 km/h Höchstgeschwindigkeit) fällt, bedarf es keines üblichen Auto-Führerscheins. In Deutschland könnten den Ami One bereits 16-jährige Teenager fahren, in Frankreich darf man sogar ab 14 Jahren hinter das Lenkrad. Citroën sieht den Ami One als Alternative zu E-Bikes, E-Scootern und Kick-Scootern.

Alles falsch rum?

In seiner Größe liegt allerdings auch ein Risiko des Konzepts. "Es gehört zu den größten Herausforderungen in der Branche, mit Kleinst- und Kleinwagen Geld zu verdienen", sagt Stefan Bratzel, Leiter Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

Smart schrieb mit seinem City-Flitzer fast ein Jahrzehnt nach Produktionsstart noch Verluste. Auch der Twizy dürfte für Renault kein Geldbringer sein. Die Stückzahlen sind äußerst gering. In Deutschland schaffte es der kleine Franzose im vorigen Jahr nicht einmal in den Bereich vierstelliger Absatzzahlen. "Wir müssen hier völlig neue Ansätze finden, um die Kosten im Rahmen zu halten", sagt Xavier Peugeot, "der Ami One würde auf keinen Fall nach traditioneller Art gebaut werden."

Citroëns Markenchef sieht einen möglichst hohen Grad an symmetrischen Bauteilen als Voraussetzung für einen Erfolg. Wer beim Ami One genauer hinschaut, erkennt, dass zum Beispiel die Kotflügel diagonal versetzt absolut identisch sind (vorne links entspricht hinten rechts, hinten links entspricht vorne rechts). Die Haube und Heckteil gleichen sich wie eineiige Zwillinge, nur steht der hintere im Verhältnis zum vorderen auf dem Kopf. Selbst die Türen inklusive Scharniere sind Gleichteile, was zu einem Kuriosum im Automobilbau führt: Während die Beifahrertür normal öffnet, ist die Fahrertür hinten angeschlagen und öffnet somit nach vorne.

Nichts geht ohne Smartphone

Auch beim Vertriebskonzept will Citroën, sollte der Ami One denn irgendwann kommen, neue Wege beschreiten. "Wir bieten "Use on Demand", sagt Jackson, "vom Sharing bis zum Langzeit-Leasing". Die Zauberzahl heißt fünf. Der Kunde kann den Ami One für nur fünf Minuten buchen, aber auch für fünf Stunden, fünf Tage, für Monate oder sogar für fünf Jahre.

Wenig überraschend ist das Smartphone der Schlüssel zum Glück im Ami One. Geöffnet wird der Kubus mit dem Handy über einen QR-Code. Vor dem Instrumententräger gibt es eine Schale für induktives Laden. Liegt das Smartphone dort, wird dessen Oberfläche in die Windschutzscheibe gespiegelt (Head-up Display). Auch die Navigation läuft komplett über das Handy. Die Bedienung erfolgt über nur zwei Schalter am Lenkrad, einer ist für die Sprachsteuerung, der andere steuert die Apps.

Alles superinnovativ also? Nicht ganz: Die Idee eines Micro-Cars im Segment L6e hatte im PSA-Konzern schon jemand. Vor acht Jahren stellte die Schwestermarke Peugeot den BB1 vor, eine zerknautschte Version des Smart. Für dessen Antrieb entwickelte Michelin sogar spezielle Radnabenmotoren. Peugeot sprach damals mutig von einer möglichen Serienversion. Der Marktstart sollte 2013 sein, doch dazu kam es nie.

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