02.04.2019 
Diesel-Abgasmanipulationen bei Lkw

Abgasskandal in groß - mit Spediteuren in der Trickserrolle

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Die Geräte werden bei Ebay ganz unverdächtig als "Emulatoren" verkauft, sind für Modelle aller großen Lkw-Hersteller verfügbar, kosten ab 100 Euro - und tun etwas Illegales und im wahrsten Sinne Schmutziges: Sie stoppen die Zufuhr des Harnstoffs Adblue, das in Lkw-Katalysatoren den Stickoxid-Ausstoß kräftig senkt.

Seit Jahren bieten obskure Händler solche Geräte mehr oder weniger offen im Internet an. Der Besitz ist legal, ihre Anwendung allerdings nicht. Nun könnten die Adblue-Emulatoren zum Streitfall in Deutschland und der EU werden, wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtet.

Zwar wurden in Deutschland bei 13.300 Kontrollen im vergangenen Jahr nur 311 Abgasanlagen beanstandet, wie aus einer der "SZ" vorliegenden kleinen Anfrage der Grünen hervorgeht. Die Experten gehen jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer hoch liegt - und künftig noch deutlich steigen dürfte. Denn die illegalen Geräte werden kleiner und lassen sich vor einer Kontrolle mit einem Handgriff ausbauen - was den Nachweis der Abgasbetrügerei bei Ad-hoc-Kontrollen auf der Autobahn schwieriger macht.

Es gibt sogar Vorrichtungen, welche die Software für die Adblue-Einspritzung automatisch überschreiben, was den Nachweis der Manipulation noch kniffliger macht. Denn um eine solche Abgastrickserei bei einem Lkw nachzuweisen, muss dieser erst mal in einer Fachwerkstätte untersucht werden.

Das Abschalten der AdBlue-Einspritzung bringt zwar keine Riesen-Einsparungen, schreibt die "SZ" - doch in der Summe läppert es sich. Pro hundert Kilometer Fahrt senkt der illegale Adblue-Verzicht die Kosten demnach um ein bis zwei Euro. Bei hunderttausend Kilometern kämen demnach 1000 bis 2000 Euro an Ersparnis zusammen.

Bei Abgaskontrollen in Spanien fielen 15 Prozent der Lkw auf

Allerdings setzen Spediteure, die solche Geräte verwenden, dabei viel aufs Spiel. Wer erwischt wird, verliert die Betriebserlaubnis für den betroffenen Lkw. Auch die Herstellergarantie ist dann weg, wie das Fachmagazin "Eurotransport" bereits vor drei Jahren berichtete. Und eine Strafanzeige wegen Abgasbetrugs droht dann wohl auch.

Dennoch scheint es laut "SZ" ziemlich viele Spediteure zu geben, die diese Risiken eingehen. Das legt eine Untersuchung des Wissenschaftlers Denis Pöhler von der Universität Heidelberg im Auftrag der österreichischen Bundesregierung nahe. Bei seiner Untersuchung fielen rund 30 Prozent der osteuropäischen Lkw mit viel zu hohen Stickoxidwerten auf. Diese Überschreitungen, so mutmaßte Pöhler, seien nur mit einem Ausfall der Abgasreinigung erklärbar.

In Spanien kam die Polizei bei einem Test auf eine Quote von 15 Prozent an Brummis, die mit stark überhöhten Abgaswerten auffielen. Eine daraufhin von Spanien initierte Europol-Ermittlung kam zu dem Schluss, dass dabei vielfach Adblue-Emulatoren im Spiel waren - die dem Motor vormachen, dass die Abgasreinigung läuft, obwohl sie abgeschaltet ist.

Der Transportverband Camion Pro prangert den Einsatz von Adblue-Emulatoren seit langem an und kritisiert die Kontrollen der deutschen Behörden als unzureichend. Gegenüber der SZ äußerte der Verband die Vermutung, dass die Bundesregierung da einfach nicht genau genug hinsehen wolle. Man wolle einfach keinen neuen Abgasskandal, vermutet Camion-Pro-Vorstand Andreas Mossyrsch.

Vor drei Jahren hatte der Verband allerdings für seine Recherchemethoden heftige Kritik einstecken müssen. Damals hatte Mossyrsch mit einer verdeckten Recherche in Rumänien nachzuweisen versucht, dass das organisierte Verbrechen im großen Stil an den Abgasmanipulationen beteiligt sei. Bis zu 20 Prozent aller Lkws auf deutschen Autobahnen, so behauptete Camion Pro damals, könnten mit manipulierter, also oft ausgeschalteter Abgasreinigung unterwegs sein. Für diese Schlussfolgerung und die nicht gerade transparente Vorgangsweise bei seiner Recherche wurde Camion Pro unter anderem in der Fachzeitschrift Eurotransport heftig kritisiert.

Eine Studie von Wissenschaftler Pöhler, diesmal im Auftrag des ZDF und Camion Pro, untermauerte bald darauf allerdings die damaligen Behauptungen: Gut ein Fünftel aller osteuropäischen Lkw auf deutschen Straßen, so fand Pöhler dabei heraus, rollten mit auffälligen Abgaswerten über die Autobahnen.

Der Umweltschaden, hieß es in einem ZDF-Beitrag im Jahr 2017, könnte bei den Lkw-Manipulationen doppelt so groß sein wie bei der Dieselschummelei von Volkswagen in den USA. Bloß handfest beweisen lässt sich diese These bislang nicht. Die Übeltäter wären in diesem Fall erstmal nicht die Lkw-Hersteller - sondern die Spediteure und Lkw-Fahrer, die bewusst und illegal die Abgasreinigung ausschalten.

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