12.06.2019 
Munich-Re-Chef fordert drastische Verteuerung des Kohlendioxidausstoß

"Der CO2-Preis muss hoch sein"

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Der Chef der Munich Re appelliert, den Preis für den Ausstoß von CO2 drastisch zu verteuern - konkret fast zu verfünffachen. Andernfalls würden sich die Folgen des Klimawandels noch dramatisch verschärfen. Die Nutzung fossiler Energie für die größten Verbraucher müsse unrentabel werden. Das werde Jobs kosten, die Politik müsse das einkalkulieren.

Die Münchener Rück spürt den Klimawandel schon lange und unmittelbar - so ließen Schäden durch den Taifun "Jebi" in Asien und Waldbrände in Kalifornien im vierten Quartal 2018 den Gewinn um mehr als die Hälfte einbrechen. Auch das erste Quartal dieses Jahres litt darunter. Stürme sind auch eine Folge des Klimawandels und nicht zuletzt aus eigenem Interesse warnt die Munich Re seit den 70er Jahren vor den Folgen dieses Wandels. Jetzt stellt Vorstandschef Joachim Wenning in einem Appell eine bemerkenswerte Forderung auf.

Im Gespräch mit der "Financial Times" (€) fordert er die Staats- und Regierungschefs in Europa auf, den Preis für den Klimakiller CO2 drastisch zu verteuern - konkret zu verfünffachen. Andernfalls liefe man Gefahr, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu verfehlen. Es sieht unter anderem den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bis zum Jahr 2050 vor. Doch gilt unter Wissenschaftlern schon jetzt als sicher, die formulierten Ziele werden nicht ausreichen, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu beschränken.

Setzten sich die Kohlenstoffemissionen auf dem gegenwärtigen Niveau fort, sei bis zum Ende des Jahrhunderts gar mit einem Anstieg der globalen Temperaturen um 3,5 Grad zu rechnen, warnt Wenning dem Bericht zufolge. Die durch den Klimawandel hervorgerufenen Sachschäden seien "schlimm genug". Der "extreme" CO2-Antieg aber werde erheblich mehr Menschenopfer fordern, weil ganze Küstengebiete überfluteten, während andere Regionen dauerhaft unter Dürre leiden würden.

Wenning sieht zwei Hebel, um die Umstellung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energie zu beschleunigen und damit den CO2-Ausstoß zu reduzieren: Eine CO2-Steuer oder den Emissionshandel. Die Steuer ist unter den Parteien höchst umstritten, große Teile der CDU/CSU lehnen sie ab. Umgekehrt gilt der Handel mit Emissionen, den die EU 2005 als das nach eigenen Angaben zentrale Klimaschutzinstrument einführte, als zu ineffektiv:

Zum einen lässt das Instrument den Straßenverkehr und die Landwirtschaft außen vor und umfasst lediglich 45 Prozent der europäischen Treibhaugas-Emissionen. Zum anderen seien die Obergrenzen zu hoch gesetzt, was die Verschmutzungsrechte (Zertifikate) für die Unternehmen lange Zeit viel zu billig machte, um in das Sparen oder Verhindern von Emissionen zu investieren, stellte bereits das Bundesumweltministerium fest.

Die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten bildet das System offenbar ohnehin nicht ab: Demnach verursache der Ausstoß von einer Tonne Kohlenstoffdioxid Gesundheits- und Umweltschäden in Höhe von 180 Euro, berechnete das Bundesumweltamt noch Ende vergangenen Jahres.

"Der CO2-Preis muss hoch sein", verlangt auch Wenning laut "Financial Times". Die Nutzung fossiler Energie für die größten Verbraucher wie Stahlhersteller, die chemische Industrie und den Verkehr müsste wirtschaftlich unrentabel gemacht werden.

Dem Chef der Münchener Rück schwebt dabei in Anlehnung an Schweden ein Preis von 115 Euro je Tonne Kohlendioxid vor. Zum Vergleich: Das marktbasierte europäische Handelssystem kommt derzeit auf etwa 25 Euro je ausgestoßener Tonne CO2.

Schweden gilt als Vorbild, will 2045 ein Null-Emissions-Land sein. Die Skandinavier hatten 1991 schrittweise die CO2-Steuer für Verbraucher und Wirtschaft eingeführt, was den Verbrauch von fossilen Brennstoffen erheblich verteuert. Für Schlechtverdiener gibt es einen Ausgleich.

Dass so eine Verteuerung des CO2-Ausstoßes insbesondere in kohlenstoff- und energieintensiven Unternehmen Jobs kosten dürfte oder sie gar ihre Geschäfte womöglich aufgeben müssen, ist dem Versicherungsmanager Joachim Wenning dabei durchaus bewusst. "Eine verantwortungsbewusste Regierung muss diese Auswirkungen berücksichtigen."

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