21.05.2020 
Staat soll via Wandelanleihe insgesamt 25 Prozent plus 1 Aktie halten können

Konzept für Lufthansa-Rettung steht

Der Staat will die von der Corona-Krise hart getroffene Lufthansa mit einem milliardenschweren Hilfspaket vor der Pleite bewahren. Das Unternehmen nannte in der Nacht zum Donnerstag in einer Pflichtmitteilung Details der bis zu neun Milliarden Euro umfassenden staatlichen Finanzspritze.

Die Gespräche mit Vertretern des eigens für Hilfen in der Corona-Krise eingerichteten Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) seien fortgeschritten und sollten zeitnah abgeschlossen werden, um die Solvenz des Traditionskonzerns zu sichern, erklärte die Lufthansa. Nach Zustimmung des Vorstands und des WSF muss die EU-Kommission den Plan absegnen, der außerdem eine Mehrheit auf einer außerordentlichen Hauptversammlung in einigen Wochen finden muss.

"Es ist höchste Zeit, dass der politische Poker in Berlin ein Ende findet", kommentierte Daniel Röska, Branchenanalyst von Bernstein Research den Zwischenstand der Verhandlungen. Der Geldschwund habe bei der Airline-Gruppe durch den weitgehenden Stillstand des Luftverkehrs bedrohliche Ausmaße angenommen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte gewarnt, das Unternehmen mache stündlich eine Million Euro Verlust. Im Zuge der Coronavirus-Pandemie kam der internationale Luftverkehr praktisch zum Erliegen. Ohne staatliche Finanzspritze droht der Lufthansa nach eigener Darstellung die Insolvenz.

Streit um Sperrminorität zwischen SPD und CDU

Am Donnerstag stiegen Lufthansa-Aktien mehr als 7 Prozent auf 8,50 Euro. Die Verhandlungen hatten sich wegen eines Streits über das Ausmaß des staatlichen Einflusses auf das Unternehmen mehrere Wochen lang hingezogen. In der Bundesregierung setzte sich die SPD für eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie an der Lufthansa ein, um angesichts der hohen Summe öffentlicher Mittel Kontrolle ausüben zu können. Die Unionsparteien stellten sich hinter die Lufthansa, die sich gegen eine Einmischung der Politik in das Unternehmen wehrte.

Der Kompromiss sieht jetzt eine direkte Beteiligung des Staates in Höhe von 20 Prozent sowie eine Wandelanleihe von fünf Prozent plus einer Aktie vor. Die Anleihe soll nur in Aktien umgetauscht werden, wenn ein Dritter versuchen sollte, die Lufthansa zu übernehmen. Nur in solchen Ausnahmefällen würde der Staat dann sein Stimmrecht ausüben. Der Bund soll außerdem zwei Sitze im Aufsichtsrat bekommen. Das "Handelsblatt" berichtete, das sollten aber keine Politiker, sondern Personen aus der Wirtschaft sein.

Aktionäre werden deutliche Einbußen hinnehmen müssen

Über eine Kapitalerhöhung zum Nennwert je Aktie von 2,56 Euro kommt der Staat den Plänen zufolge in Besitz der Aktien. Damit würden die bestehenden Aktien um 25 Prozent verwässert, erklärte Analyst Röska. Der Lufthansa zufolge gibt es aber auch noch die Option eines Kapitalschnitts, um einen noch niedrigeren Einschnittspreis zu ermöglichen. Das würde für die Aktionäre noch höhere Einbußen ihres Investments bedeuten, das durch die Krise schon einen Kursrutsch um über 50 Prozent erlitten hat.

Die Anteilseigner müssen der Kapitalerhöhung auf einer außerordentlichen Hauptversammlung mit einer Zweidrittel-Mehrheit zustimmen, wenn mehr als 50 Prozent der Aktionäre anwesend sind, reicht sogar eine einfache Mehrheit, so steht es im Gesetz zur Einrichtung des WSF. Die Einberufungsfrist für eine außerordentliche Hauptversammlung wird darin auf zwei Wochen verkürzt.

Das Aktienpaket von bis zu 25 Prozent würde bei einem Ausgabekurs von 2,56 Euro nur rund 400 Millionen Euro ausmachen. Der überwiegende Teil des Rettungspakets soll sich hingegen aus drei Milliarden Euro Darlehen der staatlichen Förderbank KfW und einer stillen Einlage zusammensetzen. Konditionen dazu nannte die Lufthansa nicht. In Verhandlungskreisen hieß es, der WSF werde im Lauf des Tages das finale Angebot vorlegen. Die Beteiligung des Staates ist laut Lufthansa außerdem mit Auflagen verbunden - etwa einem Verzicht auf künftige Dividendenzahlungen und Begrenzungen bei der Vergütung des Managements. Beides hat das Unternehmen für das laufende Jahr schon beschlossen.

Keine Dividendenzahlungen, gedeckelte Managergehälter

Die Lufthansa klopfte nicht nur in Deutschland wegen Finanzhilfe an. Der Konzern verhandelt für die Töchter Austrian Airlines (AUA) und Brussels Airlines noch mit den Regierungen Österreichs und Belgiens. Die AUA verhandelt mit der Regierung in Wien über 767 Millionen Euro. Bei Brussels geht es einem Insider zufolge um 390 Millionen Euro. Die Schweiz sagte für die Airlines Swiss und Edelweiss bereits Kreditgarantien für umgerechnet bis zu 1,4 Milliarden Euro zu. Die Beiträge der anderen Länder sollten nach früheren Informationen aus Verhandlungskreisen von dem Neun-Milliarden-Paket abgezogen werden.

Dem Lufthansa-Konzern droht das Geld auszugehen. Das Unternehmen war wie die gesamte Branche vom Corona-Schock hart getroffen worden und verliert derzeit rund 800 Millionen Euro Barmittel im Monat. Von den angeblich vorhandenen Bar-Reserven von mehr als vier Milliarden Euro gehören 1,8 Milliarden Euro eigentlich den Kunden, die auf Erstattungen für nicht durchgeführte Flüge warten.

Kunden warten auf 1,8 Milliarden Euro Erstattung

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit warnte am Mittwoch vor einer Insolvenz in Eigenverwaltung bei der Lufthansa. Sie würde eine "schwerwiegende Vertrauenskrise von Mitarbeitern, Kunden, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in das Unternehmen auslösen und die Zukunft deutscher Airlines nachhaltig gefährden", erklärte VC-Präsident Markus Wahl. Das Unternehmen prüft dieses Schutzschirmverfahren für den Fall, dass eine umfangreiche Staatshilfe in den derzeit laufenden Gesprächen mit der Bundesregierung nicht zustande kommt.

rei/Reuters/dpa

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