01.12.2019 
Systemfragen

Wieviel Kapitalismus braucht der Mensch?

Eine Kolumne von Henrik Müller

Es läuft wahrlich nicht alles rund in unserer Wirtschaftsordnung. Neue Probleme erfordern neue Lösungen. Zum Glück funktioniert die demokratische Marktwirtschaft - noch.

Nein, die Deutschen sind kein Volk von Sozialisten. Definitiv nicht. 90 Prozent der Bundesbürger finden mittelständische Firmen gut. Dreiviertel verbinden mit Unternehmertum Positives, 80 Prozent mit dem Prinzip des Wettbewerbs. Auch Liberalisierung und Globalisierung sind keineswegs unpopulär.

Ich nenne diese Zahlen, die aus der Eurobarometer-Umfragevon Juni stammen, weil ich diese Woche bei unserer Konferenz "On the record" in Dortmund ein bemerkenswertes Streitgespräch erlebt habe. "Ist der Kapitalismus noch zu retten?", lautete die Fragestellung. Die Kontrahenten waren Juso-Chef Kevin Kühnert und Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). (Hier können Sie das Gespräch im Stream anschauen.) Der Dialog hat mich ziemlich optimistisch gestimmt; dazu unten mehr.

Kühnert und Lang sind zwei Männer, die auf gegensätzlichen ideologischen Seiten stehen und gänzlich unterschiedliche Milieus vertreten. Hier eine tendenziell rebellisch gestimmte linke Parteijugend - dort das Establishment der deutschen Industrie, dessen Chefs früher gern mal den Eishauch des Kapitalismus verströmten.

Kühnert hatte vor einigen Monaten noch mit scharf formulierten Überlegungen zum Sozialismus und zur Vergesellschaftung von Produktionsmitteln für Furore gesorgt und damit einen Nerv getroffen, wie die Systemdebatte zeigte, die er damit anstieß.

Jede Menge Probleme

In der Tat läuft nicht alles rund im realexistierenden Kapitalismus. In vielen Branchen steigt die Konzentration, während die Wettbewerbsintensität abnimmt. Wenige Gewinnerunternehmen erwirtschaften hohe Renditen, während die Sparvermögen der Bürger immer niedrigere Zinsen abwerfen, was die Vermögensbildung schwieriger macht.

Die global expansive Marktwirtschaft ist weit entfernt vom Langfristziel der Klimaneutralität. (Achten Sie auf die Klimakonferenz in Madrid ab Montag.) Zugleich sind die Schulden weltweit auch nach der Finanzkrise von 2008 immer weiter gestiegen, wobei es insbesondere die Unternehmen sind, die horrende Verbindlichkeiten aufgebaut haben - nicht in Deutschland, aber in vielen anderen Ländern, von China über die USA bis Frankreich. Weder in ökologischer noch in finanzieller Hinsicht ist die Weltwirtschaft auf einem nachhaltigen Entwicklungspfad.

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern verwandelt auch die Eigenschaften vieler Produkte grundlegend: Sie werden zu öffentlichen Gütern, für deren Bereitstellung typischerweise der Staat zuständig ist.

Der Anteil der Leute, die so wenig verdienen, dass sie als armutsgefährdet gelten, ist auch in den zurückliegenden Jahren stattlichen Wirtschaftswachstums in Deutschland nicht zurückgegangen. Währenddessen verschärfen sich die Gegensätze zwischen den Metropolen und dem flachen Land: Die Dörfer veröden, während in den Städten Mieten und Wohnungspreise durch die Decke gehen.

Die Liste von Problemen ließe sich verlängern. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass die von Kühnert angestoßene Systemdebatte auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Allerdings ist nicht klar, warum der Kapitalismus an all dem schuld sein sollte.

Der Westen und der Rest

Schließlich gibt es keinen global gleichförmigen Kapitalismus, sondern diverse Systeme, die mehr oder weniger gut funktionieren.

Der Westen verbindet (weitgehend) offene Märkte mit demokratisch legitimierten Staatswesen, die große Teile der Wirtschaftsleistung durch Steuern und Abgaben abschöpfen, um sie anschließend umzuverteilen. China hingegen vertraut auf die Steuerung durch einen Einparteienstaat, was in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich dynamisch funktioniert hat, aber zunehmend an Probleme stößt. Daneben gibt es auch noch oligarchische Systeme mit autokratischer Staatsführung (etwa: Russland), absolutistische Monarchien (Golfstaaten) oder von Klerikern beherrschte Gottesstaaten (insbesondere Iran), die allerdings allesamt auf Rohstoffexporten basieren.

Wo noch sozialistische Systeme existieren, wie in Venezuela oder in Nordkorea, bringen sie so jämmerliche Resultate hervor, dass sich die Führung nur durch massive Repression am Ruder halten kann und die Bürger in großer Zahl flüchten.

Anders als im Sozialismus sowjetischer Prägung vertrauen die allermeisten Volkswirtschaften auf Privateigentum, also das Gewinninteresse des Einzelnen, um die Gesellschaft insgesamt voranzubringen. Wenn es gut läuft, geht es darum, die individuelle Gier soweit einzuhegen, dass sie dem kollektiven Fortschritt dienen kann, und zwar möglichst nachhaltig. Dazu haben sich im Westen komplexe Systeme entwickelt - soziale Sicherungsnetze, Wettbewerbspolitik, staatliche Bildungssysteme, Besteuerung des Ressourcenverbrauchs, Umweltstandards -, die das Profitstreben begrenzen und ergänzen.

In der Demokratie lässt sich diese Balance immer wieder aufs Neue austarieren. Andere Systeme tun sich da, zurückhaltend formuliert, schwerer. Sie sind weder gleicher noch gerechter noch umweltschonender. Ganz im Gegenteil.

Die Bundesbürger finden unser System übrigens ziemlich gut. Sie schätzen, wie eingangs erwähnt, in ihrer großen Mehrheit nicht nur Unternehmertum und Wettbewerb, sondern auch Sozialstaat und Solidarität. Dreiviertel der Bundesbürger haben ein vorteilhaftes Bild von Gewerkschaften. Für die größten Problemfelder halten sie gegenwärtig die Themenkomplexe Klima/Umwelt/Energie sowie die Knappheit von Wohnraum.

Die Frage ist deshalb nicht unbedingt, ob, sondern wie der Kapitalismus eine Zukunft hat. Es kann bei Licht besehen nicht um einen grundlegenden Systemwechsel gehen. Aber neue Probleme erfordern neue Lösungen, die in einem offenen, manchmal anstrengenden Prozess ausgehandelt werden müssen.

Ernsthaft streiten

Damit sind wir wieder beim Streitgespräch zwischen Kühnert und Lang. Tatsächlich war bei unserer Konferenz kein polemischer Schlagabtausch zu erleben, sondern ein ernsthaftes Ringen um tragfähige Problemlösungen. An der einen oder anderen Stelle schienen sogar Kompromisslinien auf.

Kühnert bekannte sich zu Unternehmertum und Privateigentum, Lang zum Sozialstaat und zum Kampf gegen den Klimawandel. Klar, Kühnert bewirbt sich beim SPD-Parteitag ab Freitag um höhere Ämter und scheint deshalb Richtung Mitte zu schlendern. Der BDI seinerseits ist mit einer Öffentlichkeit konfrontiert, die Großunternehmen zunehmend kritischen beurteilt.

Und doch: Kühnert und Lang hörten einander zu, argumentierten sachlich, persönliche Angriffe blieben aus. Es gab einen weitgehenden Konsens darüber, worin die wichtigsten anstehenden Probleme bestehen. Dissens gab es naturgemäß, wenn es um Lösungsmöglichkeiten ging. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der sich in vielen westlichen Ländern politische Debatten polarisieren, eine gefährliche Intoleranz um sich greift und für manche sogar Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung akzeptabel wird.

Noch funktioniert sie, die demokratische Marktwirtschaft. Und das, immerhin, gibt einigen Anlass zu Optimismus.

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