11.06.2019 
Warum Google, Facebook und Tesla Gefahr droht

Die Wildwest-Zeiten der Digitalisierung sind vorbei

Eine Meinungsmache von Jens-Uwe Meyer

A long time ago came a man on a track
Walking thirty miles with a sack on his back
And he put down his load where he thought it was the best
Made a home in the Wilderness

So beginnt der Song "Telegraph Road" von den Dire Straits und er beschreibt ziemlich gut den Mythos der Tech-Giganten (deren Existenz der Songwriter Mark Knopfler 1982 nicht mal erahnen konnte): echte Kerle (das ist nicht frauenfeindlich gemeint, dummerweise ist das Silicon Valley männerdominiert), die in Wildwestmanier mit ihren eigenen Händen die neue digitale Welt errichten.

In den vergangenen Jahren ging es in der Ökonomie der Tech-Giganten und Start-ups zu wie im Wilden Westen: Die Lautesten und Aggressivsten setzten sich durch. Amazon, Google und Facebook schufen Quasi-Monopole und führten sich auf wie eine Mischung aus Billy the Kid und John D. Rockefeller.

Ohne Rücksicht, ohne Regeln

Besonders perfide geht dabei bis heute Amazon vor: Auf dem Onlinemarktplatz dürfen auch andere Händler ihre Waren anbieten - aber nur so lange, bis Amazon merkt, ob sich damit gutes Geld verdienen lässt. Wenn ja, so zumindest lautet der hartnäckige Verdacht - werden sie schon mal aus dem Geschäft gedrängt, damit Amazon es selbst übernehmen kann, eindrucksvoll zu sehen in der ARD-Reportage "Das System Amazon" (siehe unten). Facebook ging im Bereich der Sozialen Medien noch konsequenter vor und verleibte sich gleich alles ein, was potenziell einmal zur Konkurrenz werden könnte. Willkommen im Wildwest-Kapitalismus.

Google ist mittlerweile in so vielen Geschäftsbereichen aktiv, dass man sie kaum noch aufzählen kann: vom Anzeigengeschäft über Google Shopping, Services für künstliche Intelligenz und Cloud-Computing bis hin zur Tochterfirma Waymo, die autonom fahrende Autos entwickelt. Dass die verschiedenen Bereiche gänzlich "unabhängig" voneinander agieren, mag man glauben oder eben auch nicht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auch Tesla ist ein typisches Produkt der Wildwest-Zeiten: laut und aggressiv Träume verkaufen und dabei auf Nebensächlichkeiten wie Gewinnerzielung nicht zwingend achten - das funktioniert nur in Zeiten, in denen Regeln noch nicht wirklich festgeschrieben oder durchgesetzt sind.

Neue Ära, neue Chancen

Then came the churches, then came the schools
Then came the lawyers, then came the rules

Man kann es nicht schöner formulieren als die Dire Straits: Phase zwei hat begonnen, Regeln entstehen, der Wilde Westen muss weichen. Die EU erlässt strenge Vorschriften zum Datenschutz, die US-Behörden und die Politik droht offen mit der Zerschlagung der Plattformkonzerne, die Praktiken von Amazon werden intensiv untersucht und Tesla-Boss Elon Musk muss die Preise senken. Erste Zweifel werden laut: Hat Tesla in der Zeit nach dem Ende der digitalen Wildwest-Zeit eine Überlebenschance?

Bei aller Kritik am Gebaren der klassischen Automobilhersteller, dem skandalösen Dieselbetrug und dem Dauervorwurf, sie reagierten zu langsam auf Veränderungen, eines muss man ihnen lassen: Im Gegensatz zu Tesla verdienen sie wenigstens Geld.


Lesen Sie auch: Die Bezos-Doktrin - so erobert Amazon neue Branchen


Die Technologie-Giganten, allen voran Amazon, haben lange von der Schläfrigkeit ihrer Wettbewerber profitiert. Während der Einzelhandel noch darüber debattierte, ob das Internet überhaupt ernst zu nehmen sei, breitete sich Amazon Schritt für Schritt aus und eroberte neue Märkte. Kunden kaufen online, weil es bequem ist. Doch die Technologien, auf deren Grundlage Amazon arbeitet, stehen dem Unternehmen heute nicht mehr exklusiv zur Verfügung. In den kommenden Jahren wird beispielsweise die Nutzung künstlicher Intelligenz (auf der beispielsweise Empfehlungssysteme häufig basieren) auf Knopfdruck vielen Unternehmen zur Verfügung stehen, die heute nicht zu den digitalen Gewinnern zählen. Noch nicht.

Teslas Krise bietet klassischen Automobilherstellern die Chance, technologisch einen großen Sprung nach vorne zu machen und neue Antriebssysteme sowie digitale Dienstleistungen mit ihrer großen Markenstärke zu verbinden. Während der bislang so aggressive Neuling schwächelt.

Disruption lässt sich nicht monopolisieren

Für etablierte Unternehmen in allen Branchen gilt es jetzt, die Chance zu nutzen. Die Zeit ist reif dafür. Auf vielen Konferenzen und Tagungen zum Thema Digitalisierung hat sich in den vergangenen Monaten der Fokus verschoben: Es geht nicht mehr vorrangig darum, OB und WARUM Digitalisierung wichtig ist, sondern WIE Unternehmen die Chancen ergreifen und von den neuen Möglichkeiten profitieren können. In meinem neuen Buch Digitale Gewinner beschreibe ich, wie Unternehmen die neue Phase der Digitalisierung für sich nutzen können. Auf digitale Disruption gibt es kein Monopol der Pioniere.

Übrigens: Die Telegraph Road, die die Dire Straits besingen, gibt es wirklich. Die heutige Route 24 liegt in Detroit. Nach den Wildwest-Zeiten, der Ankunft der Anwälte und der Einführung von Regeln wurde aus dem einstigen Fort Pontchartrain du Détroit erst eine Industriestadt und schließlich die Motor City Detroit. Sechsspurige Straßen, florierende Fabriken. Doch, auch das haben die Dire Straits eindrucksvoll beschrieben: kein wirtschaftlicher Erfolg ist von Dauer.

From all of these signs saying "sorry, but we're closed"
All the way down the Telegraph Road

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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