20.06.2019 
Die Erfolgschancen der Facebook-Währung Libra

Geld ist leider dumm

Eine Meinungsmache von Jens-Uwe Meyer

2. Teil: Sind Kryptowährungen gefährlicher als Bargeld?

Skeptiker warnen, dass Kryptowährungen in Zukunft der Geldwäsche Tür und Tor öffnen und den Geldfluss einer unabhängigen Kontrolle entziehen könnten. Mit der gleichen Logik könnten Sie allerdings auch vor Bargeld warnen. Schauen Sie sich einmal die Netflix-Serie Narcos an. Sie zeigt, wie das Medellin-Kartell um den später erschossenen Drogenbaron Pablo Escobar ein kriminelles Milliardenimperium erschuf - auf Basis von Bargeld. Das Geld aus den Drogenverkäufen in den USA war überall versteckt: In Schränken, hinter Wänden und in eigens ausgehobenen Erdlöchern. Mafiaorganisationen weltweit verlassen sich bis heute auf die Anonymität von Bargeld. Menschenhandel, Prostitution und Bestechung sind ohne Bargeld praktisch nicht denkbar. Hat jemals jemand vor dieser Gefahr gewarnt?

Nehmen wir an, es gäbe heute bereits überall virtuelle Währungen. Natürlich würden auch kriminelle Geschäfte über sie abgewickelt werden, doch dank geschickter Ermittlungsmethoden gelänge es immer wieder, einzelne Transaktionen nachzuvollziehen - beispielsweise weil einzelne Mitglieder der kriminellen Organisationen mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten und ihnen ihren Zugang zu den Konten ermöglichen würden. Jetzt käme jemand auf die Idee, Bargeld einzuführen. Was würden wir dann tun? Wahrscheinlich vor Bargeld warnen.

Intelligente Währung schlägt dumme Währung

Kryptogeld wird die Währung der Zukunft sein - einfach weil sie intelligenter ist als Bargeld. Geld, wie wir es kennen, kann nur über komplexe Vertragswerke mit Bedingungen versehen werden. Das Geld selbst ist dumm. Jede noch so einfache Transaktion wird problematisch, sobald sie mit Bedingungen versehen wird. Nehmen wir an, Sie vermieten ein Auto und möchten nach Verschleiß abrechnen. Eigentlich eine kluge Sache: Raser zahlen mehr, weil sie den Motor stärker beanspruchen und beim Bremsen mehr Abrieb erzeugen. In heutiges Geld können Sie solche Bedingungen nicht einprogrammieren, in virtuelle Währungen schon.

Zahlreiche Rechtsstreitigkeiten, die heute vor unseren Gerichten landen, beruhen auf der Tatsache, dass Geld dumm ist. Eine Banküberweisung wird getätigt. Wird anschließend die vereinbarte Gegenleistung nicht erbracht, muss das Geld zurückgefordert werden. Oder umgekehrt: Eine Leistung wird erbracht, teilweise erbracht oder nur teilweise in der gewünschten Qualität erbracht. Weil Geld dumm ist, braucht es aufwendige Verträge.

Virtuelle Währungen werden sich durchsetzen, weil sie das intelligentere Geld darstellen. Sie werden helfen, die Wirtschaft von überflüssiger Bürokratie zu befreien. Überlegen Sie mal, was für einen bürokratischer Aufwand heute die Verrechnung kleiner Dienstleistungen im Internet darstellt: Unzählige Rechnungen für Kleinstbeträge zu schreiben und die Zahlungen per Überweisung zu veranlassen (natürlich unter korrekter Angabe der IBAN eines jeden Zahlungsempfängers) verschlingt oft mehr Ressourcen als das Projektvolumen hergibt. Kryptowährungen werden helfen, solche Abläufe in Zukunft deutlich zu verschlanken. Dabei wird der Übergang zwischen Kryptowährungen und so genannten Smart Contracts, also auf Algorithmen basierenden Verträgen, fließend sein.

Ob es am Ende tatsächlich Facebook die Organisation sein wird, die es schafft, das "neue Geld" weltweit zu etablieren, ist längst nicht sicher. Andere Player werden das Gleiche versuchen. Sicher ist nur eins: Der Abschied vom Geld, wie wir es kennen, ist eingeleitet. Und der Wettbewerb um das, was danach kommt, hat gerade erst begonnen.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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