08.11.2019 
Zukunft einer deutschen Schlüsselbranche

Deutsche Autoindustrie - genug der Häme!

Eine Meinungsmache von Stefan Randak

Kaum eine Woche vergeht derzeit ohne neue Krisenmeldungen aus der deutschen Automobilindustrie: Elektrogipfel der deutschen Konzernchefs mit Angela Merkel im Kanzleramt, Sparkurs bei Audi, Massenentlassungen bei Bosch und Continental.

Gewiss, die gesamte Branche befindet sich im Umbruch. Aber ist Deutschlands Schlüsselindustrie tatsächlich dem Untergang geweiht, wie manche Pessimisten unken? Oder hat sie die Kraft, sich neu aufzustellen? Das hängt davon ab, ob und wie sie drei entscheidende Kernfragen löst - und zwar zeitgleich.

Die Technologiefrage

Die Umstellung von klassischen Antriebstechnologien (Benzin und Diesel) auf alternative Energien (Elektro und Wasserstoff) hat gravierende Folgen. Sie wirft Fragen auf, die für Hersteller nur schwer zu beantworten sind. Wer traut sich zum Beispiel aus heutiger Sicht zu, eine Aussage darüber zu treffen, wie hoch der Anteil alternativ angetriebener Fahrzeuge in fünf Jahren sein wird?

Stefan Randak
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    Atreus
    Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Wer kann sagen, ob sich die Fahrzeughersteller zu reinen Hardware-Lieferanten entwickeln werden, oder ob es auch Hard- und Softwarehersteller im Automobilbereich geben wird? Die Frage: "Was fertige ich selbst und was lasse ich zuliefern?" muss neu gestellt und beantwortet werden. In jedem Fall werden die notwendigen Anpassungen teuer. Hinzu kommen die kostenintensiven Entwicklungen im Bereich des autonomen Fahrens und der Fahrassistenzsysteme, aber auch Investitionen in alternative Mobilitätskonzepte.

Die Politikfrage

Als wären die technologischen Umwälzungen nicht genug, sieht sich die Branche mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert: Unsichere politische Rahmenbedingungen, wohin man schaut. Die Wirtschaftspolitik Donald Trumps sowie die Handelskonflikte zwischen den USA, China und Europa, aber auch die anhaltende Brexit-Unsicherheit werden der Automobilindustrie in den kommenden Jahren einen negativen Absatztrend bescheren. Parallel dazu erzeugt die Klimadiskussion Druck, die Emissionen zu verringern und eine CO2-neutrale Fertigung zu realisieren.

Die Organisationsfrage

Hinzu kommen hausgemachte Probleme. Viele Versäumnisse aus der Hochkonjunktur schlagen erst jetzt so richtig durch: Überkapazitäten, zu geringe Produktivität, übersteuernde Organisationsformen, leistungsschwache IT, einseitige Abhängigkeiten von Herstellern beziehungsweise Zulieferern oder fehlende Produktalternativen. Es ist also nicht verwunderlich, dass zahlreiche Unternehmen im Wochentakt mit negativen Schlagzeilen auftauchen. Ins Licht der Öffentlichkeit geraten dabei in erster Linie die großen Gesellschaften wie Bosch, Continental oder Leoni. In Wirklichkeit sitzen aber viele Mittelständler in der Autobranche bereits mit ihren Kapitalgebern zusammen und diskutieren über sanierende Maßnahmen.

Der Werkzeugkoffer

Von der Reaktion auf diese Herausforderungen hängt die Zukunft der Unternehmen in der Automobilbranche ab - in Deutschland wie auch im Ausland, bei Herstellern und bei Zulieferern. Als erste Maßnahme erscheint zunächst der Abbau von Arbeitsplätzen beziehungsweise eine Verlagerung von Fertigungskapazitäten ins Ausland naheliegend. Und sicherlich sind das Instrumente, die sich im "Werkzeugkoffer" eines Turnaround-Managers befinden sollten. Sie sind relativ schnell umsetzbar, gerade wenn bereits ausländische Fertigungsstandorte vorhanden sind. Sie sorgen aber auch für negative Schlagzeilen und werden oft mit Schlagworten wie "einfallslos", "unsozial" oder "Kahlschlag" charakterisiert. Und solche Vorwürfe sind nicht völlig unberechtigt, denn Fakt ist: Eine nachhaltige Überlebensstrategie sollte noch deutlich mehr beinhalten.

Zum Beispiel partnerschaftliche Kooperationen, wie sie unter den großen Herstellern längst etabliert sind, sogar zwischen einstigen Erzrivalen wie Daimler und BMW. Dieses Prinzip gilt es zu erweitern, auch Hersteller und Zulieferer müssen zu einem partnerschaftlicheren Verhältnis gelangen. Es ist an der Zeit, Zulieferer als das wahrzunehmen, was sie sind: Know-How-Träger, mit denen es sich lohnt, Allianzen zu schließen.

Zurück zur Innovation

Es muss der Automotive-Branche wieder gelingen, technologische Vorsprünge und Alleinstellungsmerkmale zu schaffen sowie Marktlücken und zukunftsträchtige Geschäftsfelder schneller zu erkennen und zu besetzen. Es gilt auch, die Fertigung effizienter zu vernetzen und konsequenter zu digitalisieren. Auch in den Noch-Billiglohn-Ländern wird es zu Lohnsteigerungen kommen. Künftige Kosteneffekte müssen über die digitale Fertigung erzielt werden.

Auch die Übernahme eines Wettbewerbers oder der Zukauf eines intelligenten Start-up-Unternehmens kann Vorteile schaffen und das eigene Produktportfolio abrunden. Es ist aber ebenso notwendig, wenig zukunftsträchtige Geschäftsfelder abzustoßen oder zu reduzieren. Negative Schlagzeilen sollten das Management dabei nicht schrecken. Geschäftsfelder mit andauernden Auftragseinbrüchen müssen einer Anpassung unterworfen werden, sonst gefährden sie das gesamte Unternehmen.

Auch logistisch-organisatorisch gibt es Hausaufgaben zu erledigen. An erster Stelle steht hier die Installation eines intelligenten und global ausgerichteten Einkaufs sowie einer effizienten Logistik. Etablierte Abhängigkeiten auf Kunden- wie auch auf Lieferantenseite müssen geprüft und reduziert werden. Generell müssen sich viele Unternehmen organisatorisch verschlanken - das betrifft auch die Entscheidungsprozesse.

Die Umsetzung aller dieser Punkte setzt einen notwendigen finanziellen Spielraum voraus. Nur so lässt sich die Investitionskraft erhalten - andernfalls muss sie durch neue Stakeholder erweitert werden. Nur wer als Unternehmen die komplette Klaviatur beherrscht, wird den Umbruch bewältigen und am "globalen Tisch" der Automobilindustrie auch weiterhin seinen Platz finden. Also genug der Häme, Schluss mit der Wehleidigkeit. Die deutsche Automobilindustrie hat kein Erkenntnisproblem. Es wird nur Zeit, sich an die Umsetzung zu machen.

Stefan Randak ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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