12.03.2019 
Zwei Abstürze in fünf Monaten

Das Crash-Modell - Wie Boeing mit dem Fall 737 Max umgeht

Von
REUTERS

Am Mittwoch hätte es wieder etwas zu feiern geben sollen. In Seattle war eine Zeremonie zum bevorstehenden Jungfernflug des neuen Flugzeugmodells Boeing 777X geplant. Ein Prestigeprojekt, mehrere Milliarden Dollar teuer, mit faltbaren Flügeln und der Lufthansa als Erstkunde. Ein Ersatz für die alten Jumbo-Jets - endlich wieder eine zukunftsweisende Präsentation für den (mit knappem Abstand vor Airbus) führenden Flugzeughersteller der Welt.

Doch die Feier wurde abgesagt, aus Pietätsgründen. Mit dem vorigen Upgrade eines Erfolgsmodells hat Boeing nämlich derzeit gewaltige Probleme. Zweimal binnen fünf Monaten sind Maschinen des erst seit zwei Jahren kommerziell betriebenen Typs Boeing 737 Max abgestürzt: im Oktober 2018 eine Maschine der indonesischen Lion Air und an diesem Sonntag eine von Ethiopian Airlines.

Beide Male gingen die nagelneuen Flugzeuge kurz nach dem Start in den Sturzflug über. Beide Male gab es keine erkennbare äußere Ursache. Beide Male sendeten die Piloten vorher Hilferufe ab und baten um Erlaubnis zur Rückkehr zum Startflughafen. Beide Male verloren sie offenbar die Kontrolle. Und beide Male starben alle Insassen - 189 in Indonesien, 157 in Äthiopien.

In beiden Ländern, aber auch auf dem wichtigen chinesischen Markt müssen die Maschinen dieses Typs nun vorsorglich am Boden bleiben. Die meisten westlichen Behörden und Airlines sehen zu so einem drastischen Schritt keinen Anlass und halten zu Boeing. Der Hersteller drückt sein Bedauern aus und stellt Experten für die Hilfe bei den technischen Ermittlungen ab, hält ansonsten aber die bisherigen Anweisungen zum Umgang mit der 737 Max für gültig.


Video: Fünf Deutsche unter den Opfern - Boeing in Äthiopien abgestürzt


Der Absturz des Lion-Air-Flugs JT 610 über der Javasee am 29. Oktober hat diese aber bereits erschüttert. Es wird noch mehrere Monate dauern, bis der Vorfall völlig aufgeklärt ist. Doch schon jetzt deutet sich an, dass das bisher tödlichste Unglück einer Boeing 737 - des meistverkauften Passagierjets der Welt - Folgen für die Luftfahrtindustrie haben dürfte.

Probleme mit einem Sensor

Bislang schien die plausibelste Erklärung für den Absturz auf überforderte Piloten zu deuten. Erste Erkenntnisse der indonesischen Ermittler besagen, dass ein Sensor fehlerhafte Daten zum Anstellwinkel (Angle of Attack, AOA) gemeldet habe, worauf die Maschine automatisch den Kurs korrigierte - in dem Fall auf Sinkflug.

Bereits der vorangegangene Flug derselben Maschine soll wegen eines fehlerhaften AOA-Sensors in Turbulenzen kurz unterhalb der Schwelle zum Notruf geraten sein, woraufhin der Sensor in Jakarta ausgetauscht wurde. Warum auch der neue Sensor verrückt spielte, ist bisher offen.

Jedenfalls nahm der Hersteller Boeing die Erkenntnisse im November zum Anlass, eine Empfehlung an Piloten des neuen Modells 737 Max 8 herauszugeben. Tags darauf gab auch die US-Luftfahrtbehörde FAA eine so genannte dringende Lufttüchtigkeitsanweisung heraus.

Die Mitteilung bestand jedoch nur aus einem Verweis auf "bestehende Prozeduren". Der Automatismus zur Kurskorrektur läuft selbst bei ausgeschaltetem Autopilot, kann aber auch manuell überwunden werden. Das dazu nötige Vorgehen, so die Darstellung von Boeing, hätten die Piloten von jeher ihren Handbüchern entnehmen können. Das neue Modell habe nichts an der geübten Praxis geändert. Vor allem: "Wir vertrauen auf die Sicherheit der 737 Max."

Am Montagabend kündigte Boeing zudem an, ein nach dem Indonesien-Crash angekündigtes Software-Update in den kommenden Wochen auszuspielen, "um ein schon sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen". Die US-Flugaufsicht FAA verlangt das Update bis spätestens Ende April.

Ein vermeidbarer Pilotenfehler, aber erklärbar durch den Stress einer Vielzahl neuer Signale in der Kabine im Widerstreit zwischen Automatisierung und Handbetrieb - schon das wäre Grund genug, die eingesetzte Technik zu hinterfragen.

"Wir sind sauer, dass Boeing die Firmen nicht aufgeklärt hat"

Doch nach einem Bericht des "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) gibt es noch eine andere Erklärung, die Boeing deutlich schlechter aussehen lässt: Der Hersteller habe nach Ansicht von Ermittlern der indonesischen und US-Luftfahrtbehörden ebenso wie von Piloten wichtige neue Softwarefunktionen des Systems namens MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System), das mit dem neuen Modell 2017 eingeführt wurde, verschwiegen.

"Wir sind sauer, dass Boeing die Firmen nicht aufgeklärt hat, und die Piloten haben offensichtlich auch nichts erfahren", schimpfte Jon Weaks, Chef der Pilotengewerkschaft von Southwest Airlines. "Ziemlich idiotisch" nannte Mike Michaelis vom Sicherheitsausschuss der Pilotenvereinigung von American Airlines das Vorgehen. "Warum wurden die Piloten dafür nicht ausgebildet?"

Laut dem Bericht habe Boeing entschieden, dass zu viel Information die Piloten überfordern könnte. Das wurde dann korrigiert - die FAA hat Boeing im November angewiesen, die Pilotenhandbücher zu ergänzen. Ansonsten verweist sie auf laufende Ermittlungen.

Ein Zwischenbericht der indonesischen Flugaufsicht, die nun auch den äthiopischen Ermittlern assistieren will, erklärte das Unfallflugzeug für nicht flugtüchtig - was keine Schuldzuweisung an Boeing bedeutet, aber auch keine Entlastung.

Der Stimmenrekorder aus dem Cockpit wurde erst im Januar geborgen und muss noch ausgewertet werden. Nach dem äthiopischen Absturz, der auf Land und nicht in der See geschah, wurde das Gerät gleich am Montag gefunden. Das könnte die Aufklärung beschleunigen - und womöglich eine Wiederholung derartiger Unglücke vermeiden helfen.

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