23.04.2019 
Debatte um Zukunft des Traditionskonzerns

Aktionärsvereinigung springt Bayer zur Seite

Für Werner Baumann dürfte es eine turbulente Hauptversammlung werden: Als Folge der Gerichtsprozesse rund um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wächst beim Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer der Druck auf die Unternehmensführung. Beim Treffen an diesem Freitag sollen die Aktionäre ihr Urteil abgeben: Punkt zwei und drei der Tagesordnung sehen die Abstimmung zur Entlastung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern vor. Fällt die Zustimmung gering aus, wird das Fragen nach einem möglichen Personalwechsel an der Spitze provozieren.

Mitten in diese prekäre Lage hinein fordert die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nun, diese Abstimmung zu vertagen. "Aufgrund der aktuellen Situation ist es den Aktionären nicht möglich, eine abschließende, seriöse Entscheidung über die Entlastung von Vorstand und auch Aufsichtsrat zu treffen", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. "Die Bayer-Führung verweist fortwährend auf die langfristige Sinnhaftigkeit der Monsanto-Übernahme, die Aktionäre dagegen sehen den massiven Verlust in ihren Depots und in der Reputation des Bayer-Konzerns."

Absturz nach Monsanto-Übernahme: Wie Bayer in die Abwehrschlacht zieht

Bayer hatte Monsanto im vergangenen Jahr für mehr als 60 Milliarden US-Dollar (53 Mrd Euro) übernommen. Experten werfen dem Konzern vor, die Risiken des Kaufs angesichts von Klagen wegen angeblicher Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautvernichter unterschätzt zu haben. Der Konflikt droht, auf der Hauptversammlung am 26. April zu eskalieren.

Bayer will mit Hilfe von Rechtsgutachten Blamage auf HV abwenden

Vorstandschef Werner Baumann und Oberaufseher Werner Wenning erwarten dort scharfe Angriffe, sie hätten die Risiken beim Kauf des US-Saatgutspezialisten Monsanto samt dessen Unkrautvernichters Glyphosat nicht eingehend geprüft. Nach dem Kauf sieht sich Bayer derzeit zahlreichen Prozessen gegenüber. Die beiden großen Stimmrechtsorganisationen Institutional Investors Services (ISS) und Glass Lewis haben sich in der Folge gegen die Entlastung des Vorstands auf der Hauptversammlung am 26. April ausgesprochen. Der DSW-Vorstoß könnte Baumann und Wenning also helfen. Unklar ist aber, ob Aufsichtsratschef Wenning, der die Hauptversammlung leiten wird, die Abstimmung tatsächlich einfach wird vertagen können - zumal die meisten Aktionäre ihr Urteil bereits im Vorfeld abgegeben haben.

Bayer hat in den vergangenen Wochen voll auf Verteidigung geschaltet. Der Konzern hat die Investor-Relations-Berater von D.F. King engagiert, die für Entlastungs-PR im Vorfeld der Hauptversammlung sorgen sollen. Außerdem will Aufsichtsratschef Wenning mit Hilfe von Rechtsgutachten eine krachende Niederlage auf dem Aktionärstreffen abwenden.

Wenning kann Gutachten des Düsseldorfer Spezialisten für Kapitalmarktrecht und Linklaters-Anwalt Ralph Wollburg sowie Professor Mathias Habersack, Ordinarius an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, ins Feld führen. "Bayer hat die Bewertung der Risikolage im Zusammenhang mit der Verwendung von Glyphosat auch auf ein vor Abschluss des Merger Agreement erstelltes, ausführliches und regelmäßig aktualisiertes Gutachten einer renommierten US-Kanzlei gestützt. Damit hat der Vorstand seine Sorgfaltspflichten mustergültig erfüllt", sagt Wollburg.

11.000 Klagen in den USA

Mittlerweile hat Bayer zwei Geschworenen-Prozesse in den USA verloren, in denen die Kläger Entschädigungen von jeweils fast 80 Millionen Dollar (71 Mio Euro) zugesprochen bekamen. Seit dem ersten Urteil hat die Bayer-Aktie mehr als ein Drittel an Wert verloren. Bayer beteuert die Sicherheit von Glyphosat und verweist auf zahlreiche entsprechende Studien. Der Konzern will in beiden Fällen in Berufung gehen. Insgesamt gibt es aber schon 11 000 Klagen.

Stellenabbau in Deutschland

Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer will unterdessen in Deutschland 4500 Stellen abbauen. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag aus informierten Kreisen. Wie das Unternehmen bereits im November angekündigt hatte, sollen weltweit insgesamt 12.000 von 118.000 Arbeitsplätzen wegfallen.

In Deutschland waren zum Jahreswechsel 32.100 Mitarbeiter beschäftigt. Die "Rheinische Post" hatte zuvor über die Pläne für Deutschland berichtet. In dem Konzern sind in Deutschland betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025 ausgeschlossen. Um die Stellenzahl zu verringern, setzt das Unternehmen daher auf Abfindungen, Altersteilzeit und Abgänge durch die übliche Fluktuation.

Wie die "Rheinische Post" berichtete, will der Vorstand die Mitarbeiter am Dienstag in einem Brief über die geplante Stellenreduzierung informieren. Demzufolge entfallen 3000 der 4500 Stellen auf sogenannte Querschnittsfunktionen etwa in Verwaltung und IT.

Bayer befindet sich in einer schwierigen Phase. Die Übernahme des US-Konkurrenten Monsanto droht zu einem Desaster zu werden - die US-Klageindustrie hat den deutschen Konzern nach der Übernahme als lohnenswertes Ziel für Schadenersatzklagen wegen des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat entdeckt, der in den USA seit vielen Jahren im Einsatz ist. Nun, da der Hersteller Monsanto von Bayer übernommen ist, werden den Klägern vor Gericht Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe zugesprochen.

Der Konzern hat weitere Baustellen, auch das Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln läuft nicht rund. Bayer verkündete als Konsequenz Pläne zum Stellenabbau, um Kosten zu sparen und Arbeitsabläufe effizienter zu machen.

Noch ist offen, ob sich Bayer-Chef Werner Baumann, der die Monsanto-Übernahme durchgeboxt und die Rechtsrisiken dabei unterschätzt hat, auch nach der Hauptversammlung auf seinem Posten wird halten können. Anlegersprecher sprechen durch die milliardenschweren US-Klagen bereits von der größten Wertvernichtung in der jüngeren Dax-Geschichte.

Erst vor wenigen Tagen urteilte eine Jury des zuständigen Bundesbezirksgerichts in San Francisco, dass Monsanto für Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat haftbar ist und dem 70-jährigen Kläger Edwin Hardeman Schadenersatz in Gesamthöhe von 80,3 Millionen Dollar (71,4 Millionen Euro) zahlen muss. Bereits in der vergangenen Woche war die Jury im vorentscheidenden ersten Teil des Prozesses zu dem Schluss gekommen, dass Roundup als wesentlicher Faktor für die Lymphdrüsenkrebserkrankung Hardemans einzustufen sei.

Die Gesamtsumme liegt damit in etwa auf dem Niveau, auf das eine Richterin eine Entschädigung in einem anderen Verfahren im vergangenen Jahr reduziert hatte. Da hatte ebenfalls eine Geschworenenjury den von Bayer übernommenen Saatgutkonzern Monsanto ursprünglich zu einer Zahlung von 289 Millionen Dollar an Schmerzensgeld und Entschädigung verdonnert. Der Fall brachte in den USA eine Klagewelle gegen Bayer ins Rollen. Per Ende Januar lagen Bayer Klagen von 11.200 Klägern vor.


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Absturz der Aktie

Der Aktienkurs von Bayer notiert derzeit nur knapp über seinem Siebenjahrestief. Der Börsenwert des Konzerns liegt mit knapp 52 Milliarden Euro mittlerweile deutlich unter den rund 63 Milliarden Dollar (56 Milliarden Euro), die die Leverkusener sich den Monsanto-Kauf hatten kosten lassen. Es seien Belastungen durch die Causa Glyphosat in Höhe von 40 Milliarden Euro in den Kurs eingepreist, glaubt Analyst Alistair Campbell vom Investmenthaus Liberum. Er hält rund ein Viertel dieses Wertes für eine letztendlich realistischere Größe.

Anleger fragen sich aber weiter, ob Bayer die Risiken der bislang teuersten Auslandsübernahme eines deutschen Unternehmens unterschätzt hat. Trotz aller Probleme verteidigt Bayer-Chef Werner Baumann die Übernahme. "Der Monsanto-Kauf war und ist eine gute Idee", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS).

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