29.10.2018 
Jair Bolsonaros Superminister-Kandidat Paulo Guedes

Dieser Chicago Boy will Brasiliens Rechtsruck managen

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Das fünftgrößte Land der Welt steht vor einem politischen Erdrutsch nach rechts. Der Ex-Militärhauptmann Jair Bolsonaro, der Probleme ebenso wie politische Gegner am liebsten mit der Schusswaffe erledigen will, hat die Stichwahl zum brasilianischen Präsidentenamt am Sonntag haushoch gewonnen.

Entscheidenden Anteil daran hat ein Mann, der im Gegensatz zu Bolsonaro zu leisen Tönen und professoralem Habitus neigt: Paulo Guedes, Wirtschaftsberater des Kandidaten. Dass Bolsonaro überhaupt "der Kandidat der Märkte" werden konnte, wie ihn die Deutsche Bank in einer Analyse betitelte, liegt an dem Banken- und Börsenveteran an seiner Seite.

Noch mehr Anteil an dem Rechtsruck könnte Guedes nach der Wahl bekommen: Der 69-Jährige ist für ein neues Superministerium vorgesehen, das aus Finanz-, Wirtschafts-, Industrieministerium und der Privatisierungsbehörde zusammengelegt werden soll. Er hegt radikale Pläne, von denen die meisten in völligem Gegensatz zu Bolsonaros jahrzehntelang bekundetem Willen zum starken Staat stehen.

Noch vor einem Jahr kannten sich die beiden gar nicht. Bolsonaro, seit 1991 im Parlament als schriller Außenseiter und erklärter Anhänger der Militärdiktatur (1964-1985) - mit der Einschränkung, sie sei in Brasilien viel zu soft gewesen und hätte zehntausende Linke und Liberale töten müssen; Guedes, an der ultraliberalen US-Universität Chicago promoviert, Mitgründer der führenden brasilianischen Investmentbank Pactual (heute BTG Pactual), der neoliberalen Denkfabrik Instituto Millennium, Chef des Vermögensverwalters Bozano Investimentos, Prediger der Geldanlage in mehreren Zeitungs- und Zeitschriftenkolumnen.

Was die beiden vereint, ist die Wut auf die linke Arbeiterpartei, die jede der vier vorigen Präsidentschaftswahlen gewann und auch diesmal mit dem Ökonom Fernando Haddad in der Stichwahl vertreten ist. Nach der schwersten Wirtschaftskrise der brasilianischen Geschichte und einem beispiellosen Korruptionsskandal herrscht in dem ohnehin tief gespaltenen, von Gewalt und Kriminalität geplagten Land ein Klima von Hass und Misstrauen.

Mit den etablierten bürgerlichen Parteien, die in den vergangenen zwei Jahren eine ebenso unpopuläre wie ungewählte Regierung stützten und radikale Reformen durchzogen, aber selbst im Zentrum der größten Skandale standen, mochte Guedes nicht mehr rechnen. "Ein netter Typ auf einem untergehenden Schiff", nannte er den liberalen Vormann Geraldo Alckmin gegenüber "Bloomberg".

Die Rückkehr der linken Umverteilungspolitik wäre nur mit einem Angreifer zu verhindern, der glaubhaft das ganze System aufzumischen verspricht. Zunächst beriet er den Fernsehmoderator Luciano Huck, doch der zögerte mit seiner Kandidatur.

Als Jair Bolsonaro, der mit zweitem Vornamen Messias heißt und auch als solcher auftritt, in den Umfragen aus dem Nichts aufstieg, begann Guedes ihn in seinen Kolumnen hervorzuheben: als "legitimen Erben der Rechten", als "Beschützer von Leben und Privateigentum" - ein seltenes Lob des Mannes, der bis dato noch als ungehobelter Frauen- und Schwulenhasser mit rassistischen Ausfällen im gesellschaftlichen Abseits stand.

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