11.01.2020 
Feuer im Regenwald und in Australien

Deutschland wird klimaneutral - na und?

Eine Kolumne von Henrik Müller

Als einzelne sind wir faktisch machtlos gegen den Klimawandel. Dennoch wollen wir unbedingt persönlich helfen, die Erderwärmung zu bremsen. Warum eigentlich?

Das Klima hat uns fest im Griff. Kein Thema bewegt die Deutschen derzeit so sehr. Die Bilder der brennenden Regenwälder in Brasilien sind noch in Erinnerung. Nun wüten Feuer in Australien. Auch dort gehen Menschen auf die Straße und fordern, ihr Land möge mehr für den Klimaschutz tun.

Für die Bundesbürger hat das Thema derzeit höchste Priorität. 81 Prozent sehen großen oder sehr großen Handlungsbedarf, ergab kürzlich eine Umfrage des ARD Deutschlandtrends. Zwei Drittel der Deutschen fordern eine Politik, die dem Klimaschutz Vorrang vor Wirtschaftswachstum gibt. Mittwoch stellt das World Economic Forum seinen neuen Weltrisikobericht vor, der abermals die Folgen des Klimawandels in den Mittelpunkt stellen dürfte.

Zwar sind extreme Trockenheit, Feuersbrünste oder Wirbelstürme Probleme, die Deutschland bislang kaum direkt betreffen. Doch die emotionale Betroffenheit ist auch hierzulande groß.

Kein anderes gesellschaftliches Problem treibt die Bundesbürger derzeit persönlich so stark um wie das Thema Klima und Umwelt, wie die Eurobarometer-Umfrage vom November zeigt. Dieser Tage ziehen hierzulande Demonstranten vor Siemens-Werkstore, weil der deutsche Konzern Bahnsignaltechnik für eine Kohlemine in Australien liefern will.

Auch in anderen (west)europäischen Ländern treibt die Erderwärmung die Bürger um. Folgerichtig hat die neue Präsidentin der EU-Kommission einen "Green New Deal" ausgerufen, durch den die EU auf einen langfristigen Pfad in Richtung klimaneutraler Lebens- und Wirtschaftsweisen finden soll.

Nicht nur die politischen Prioritäten verschieben sich, auch gesellschaftliche Werte und Normen werden neu verhandelt. Fliegen, Fleischkonsum oder einen Geländewagen fahren sind für viele Bürger zu Aktivitäten geworden, für die man sich schämt - oder schämen sollte. Manche Leute gehen mit selbst Deals ein, verzichten etwa eine Zeitlang auf Fleisch, um ihr Gewissen nach einer längeren Flugreise zu beruhigen.

Die Bekämpfung des Klimawandels entwickelt sich mehr und mehr von einer politischen Problemstellung zu einer moralischen Frage, die unser individuelles Gewissen herausfordert. Das ist verständlich und sympathisch. Allerdings besteht die Gefahr, dass der innere Drang, das Richtige tun zu wollen, uns von wirksamen Problemlösungen weiter entfernt - was tragisch wäre.

Frustrierende Folgen

Aus ökonomischer Sicht ist die Erdatmosphäre das ultimative öffentliche Gut. Die Gashülle unseres Planeten gehört niemandem, nicht mal einem Staat. Niemand kann von der Nutzung der Atmosphäre ausgeschlossen werden. Eine unüberschaubare Menge von Akteuren trägt dazu bei, diese globale Ressource zu schädigen.

Eine Konstellation mit frustrierenden Implikationen: Selbst wenn Deutschland von heute auf morgen komplett klimaneutral würde, könnten wir am Klimawandel nichts ändern, denn wir tragen als Nation nur 2 Prozent zum globalen Ausstoß an Treibhausgasen bei. Die EU insgesamt, immerhin der drittgrößte Emittent weltweit, könnte womöglich einen gewissen Effekt erzielen. Aber da China und die USA jeweils weit mehr an Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen ausstoßen, könnte auch die EU allein kaum eine Trendwende einleiten.

Schlimmer noch: Es könnte sogar soweit kommen, dass nennenswerte Einsparungen auf der einen Seite des Globus zu weniger Klimaschutz auf der anderen Seite führen. Dieser Effekt wäre das Resultat einer vernünftigen, egoistischen Kalkulation, nach dem Motto: Wenn andere mehr tun, brauchen wir selbst nicht soviel zu tun - andere werden die Erderwärmung schon halbwegs im Griff halten. Am Ende wäre der Ausstoß an Treibhausgasen global gar nicht zurückgegangen oder sogar gestiegen. Aber einige Nationen hätten enorme Kosten geschultert.

Anders gewendet: Der moralische Antrieb, Verantwortung übernehmen und etwas tun zu wollen, führt womöglich zum Gegenteil des eigentlichen Ziels, weil alle großen Emittentennationen mitziehen müssen, um wirklich etwas bewirken zu können. Im globalen Klimadilemma steckt eine gehörige Portion Tragik.

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