07.03.2019 
Neue Studie korrigiert Chinas Wirtschaftsstatistik

China wird überschätzt - um etwa 12 Prozent

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Die übliche Jubelveranstaltung bleibt in diesem Jahr aus. Den chinesischen Volkskongress, der in dieser Woche zu seiner jährlichen Sitzung in Peking tagt, eröffnete Premier Li Keqiang mit ernsten Worten. "Der Abwärtsdruck auf die chinesische Wirtschaft nimmt zu", erklärte er den Delegierten, die Lage sei "ernst und kompliziert".

Nach einer mauen Bilanz für 2018 senkte er die Wachstumsprognose für 2019 weiter auf für chinesische Verhältnisse bescheidene 6,0 bis 6,5 Prozent. Um dieses Ziel überhaupt zu erreichen, setzt die Regierung bereits milliardenschwere Konjunkturhilfen in Gang - doch das ist nur Feintuning, nichts für die ganz großen globalen Ambitionen.

Da passt eine neue Studie zur Stimmung, die auch die Erfolgsmeldungen vergangener Jahre in Zweifel zieht. Die offiziellen Zahlen zum chinesischen Bruttoinlandsprodukt seien systematisch übertrieben, erklären Ökonomen von Unis in Chicago, Peking und Hong Kong in dem Papier der US-Denkfabrik Brookings Institution.

Die "Financial Times" rechnet die bis 2016 reichenden Schätzungen fort. Demnach wäre die für 2018 gemessene Wirtschaftsleistung von 90 Billionen Yuan (12 Billionen Euro) in Wahrheit um 10,8 Billionen Yuan oder 12 Prozent geringer. Auch so könnte es kaufkraftbereinigt noch für den Titel als weltgrößte Volkswirtschaft reichen - in etwa gleichauf mit den USA -, aber die Chinesen wären mal eben um ein Achtel ärmer als gedacht.

Zweifel an der chinesischen Statistik sind nicht neu, von Premier Li Keqiang selbst ist das Zitat überliefert, diese sei "menschengemacht und daher unverlässlich". Manche westliche Beobachter schätzen den wahren Wert noch weitaus geringer ein als die Brookings-Autoren. Diese aber rühmen sich, erstmals eine "forensische" Analyse vorgelegt zu haben.

Als einigermaßen unbestechliches Maß haben sie die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer herangezogen, um die von den Provinzbehörden nach Peking gemeldeten Zahlen zu überprüfen. Das Problem der übertriebenen lokalen Zahlen ist bekannt: Funktionäre der Kommunistischen Partei sehen es als förderlich für ihre eigene Karriere an, wenn sie die vorgegebenen Wachstums- und Investitionsziele übertreffen.

Seit langem korrigieren die Statistiker in der Zentrale die gesammelten Daten nach unten, 2017 wurden drei Provinzen in der nordöstlichen Industrieregion gar offiziell gefälschter Zahlen bezichtigt. Ab diesem Jahr will das Nationale Statistikbüro stärker in die Arbeit der Provinzbehörden eingreifen.

Doch laut der Brookings-Studie hat die Diskrepanz seit der weltweiten Wirtschaftskrise 2008 zugenommen, ohne dass die Pekinger Statistiker entsprechend reagiert hätten. Die Ergebnisse habe man auch mit Xu Xianchun diskutiert, der beim NBS die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung leitet, berichtet Co-Autor Michael Zheng Song der "FT". "Ich hatte große Sorge, dass er wütend wäre", sagt Song. "Aber er sagte zu mir: 'Sie haben gute Arbeit geleistet, und ich schätze das.'"

Einen Trost haben die Chinesen ohnehin: Auch westliche Wirtschaftsstatistiken wie im Falle Irlands stellen sich mitunter als weit übertrieben heraus.

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