06.04.2019 
Konjunkturaussichten

Es geht abwärts - fragt sich nur, wie stark

Eine Kolumne von Henrik Müller

Lange sah es so aus, als ob die Wirtschaftsentwicklung unkaputtbar sei. Das ist vorbei. Mit der Konjunktur geht es abwärts. Offen ist nur, wie heftig der Abschwung wird.

Typisch, meinte "binibona", "Glaskugel raus, Artikel schreiben und auf Reaktionen hoffen. Ende des Jahres entweder als Prophet auftreten oder die Gründe nennen, die das Desaster abgewendet haben. Wer allerdings zu fest daran glaubt, den trifft die sich selbst erfüllende Prophezeiung." "binibona" ist das Pseudonym eines Kommentartors im Spiegel-Online-Forum. Zum Jahreswechsel hatte ich einige Überlegungen angestellt, was der heraufziehende konjunkturelle Abschwung wohl bringen könnte. Der Text enthielt diverse Zahlen und Quellen - so viele, dass ich mir Sorgen machte, Langeweile zu provozieren. Aber auch Männer, die in Glaskugeln starren, brauchen nun mal eine Faktenbasis…

"binibonas" Kommentar habe ich ausgewählt, weil er mir typisch scheint. Wenn es um die die Befassung mit der Zukunft geht, herrscht verbreitetes Unbehagen. Die Kritik changiert dann zwischen drei Polen: Panikmache (in Wahrheit werde alles schon nicht so schlimm), Schönfärberei (in Wahrheit werde alles noch viel schlimmer) und Scharlatanerie (niemand könne die Zukunft kennen).

Andererseits zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der Leser genau dies vom Wirtschaftsjournalismus erwartet: die Thematisierung von Entwicklungen, die künftig relevant werden. Keine Prophezeiungen, keine Vorhersagen mit Wahrheitsanspruch - sondern skeptische Überlegungen über die Zukunft auf Basis von Fakten und Indizien.

Anders als Propheten, die zumeist nicht so lange leben, als dass man sie für falsche Vorhersagen zur Rechenschaft ziehen könnte, sind wir mit einem unendlichen Strom neuer Zahlen und Ereignisse konfrontiert, die eine ständige Überprüfung der Zukunftsperspektiven erlauben.

Derzeit ist es wieder soweit. Die Weltwirtschaft wartet auf ein Update.

Die Industrie, Ground Zero des Abschwungs

Ab Donnerstag tagen in Washington der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Heerscharen von Finanzministern, Notenbankern, Ökonomen und Bankern werden erwartet. IWF-Chefin Christine Lagarde hat bereits durchblicken lassen, dass ihre Volkswirte die Prognosen gesenkt haben und dass die weltwirtschaftliche Lage "zerbrechlich" sei , also in eine ausgewachsene Rezession umschlagen könnte (neue Zahlen vom IWF am Dienstag).

Pünktlich zur Washingtoner Frühjahrstagung hat der Fonds zudem das Crashrisiko auf den globalen Immobilienmärkten kalkuliert - nicht gerade beruhigende Berechnungen angesichts der extrem hohen Bewertungen und Schulden in vielen Ländern.

In der abgelaufenen Woche haben die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute bereits einen scharfen Rückgang des Wirtschaftswachstums hierzulande diagnostiziert.

Gerade die deutsche Industrie, zumal der lahmende Autoabsatz, belastet die Entwicklung. Die produzierenden Unternehmen verzeichnen einen drastischen Rückgang der Auftragseingänge, den stärksten seit der Schockrezession von 2009 (Montag gibt es neue Zahlen vom deutschen Exportgeschäft).

Dazu kommt die gestiegene politische Unsicherheit (achten Sie diese Woche auf den Fortgang des Brexit-Dramas, insbesondere den EU-Sondergipfel am Mittwoch, zwei Tage vor dem derzeit gültigen Austrittsdatum.) Der nach wie vor schwelende Handelskonflikt zwischen den USA und China hilft auch nicht gerade bei der Stabilisierung der Erwartungen (neue Außenhandelszahlen aus Peking gibt's Freitag).

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