09.07.2019 
Was der Personalcoup mit Ursula von der Leyen über die Kanzlerin verrät

Zocken statt Zittern

Eine Meinungsmache von Michaela Bürger

Das große Zittern! Was wurde in den vergangenen Wochen nicht alles über Angela Merkels Gesundheit geschrieben. Ihre Fans machten sich wegen ihrer Zitteranfälle bei öffentlichen Auftritten große Sorgen, ihre Gegner twitterten schon vom Ende einer Ära, weil die Konstitution der Bundeskanzlerin von der gewohnten Robustheit abwich. Gabor Steingart schrieb, dass "man die Kanzlerin vor sich selbst schützen müsse" und die Grünen forderten sogar ihren Rücktritt, um sich gleich danach wieder zu entschuldigen.

Michaela Bürger
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    Michaela Bürger ist Inhaberin der gleichnamigen Unternehmensberatung und Expertin für Visions-, Strategie-, Struktur- und Führungsfragen in einer digitalen Welt. Mit ihrem Team unterstützt sie sowohl Konzerne wie auch inhabergeführte Mittelständler. Zudem ist sie als Rednerin und Autorin tätig.

Es war skurril und beklemmend zugleich - in jedem Fall aber war es höchst bemerkenswert, wie eben diese Politikerin nur wenige Tage später ihre Fähigkeiten demonstrierte. Die "Extrameile" ist immer noch drin - geistig, körperlich und vor allen Dingen mit einer sozialen und machtpolitischen Intelligenz, die verblüffend ist. Auf einem EU-Gipfel, den viele bereits als gescheitert ansahen, setzte sie einen Kompromissvorschlag durch, die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission bringen dürfte. Scheinbar ganz ohne Mühe und mit höchster Effizienz. Und ohne jedes Wackeln oder Zittern.

Es war ein Merkel-Coup, wie wir ihn von der Kanzlerin kennen: Sie interagiert geschmeidig und einfühlsam. Kooperativ und klar. Ihre Macht setzt sie nur dann bewusst ein, wenn sich deren Wirksamkeit entfalten und das anvisierte Ziel erreicht werden kann.

Diplomatisches Kunststück à la Adenauer

In der Fachsprache spricht man vom "sozialisierten Machtgebrauch", das heißt die Macht qua Amtes oder Persönlichkeit dann einzusetzen, wenn die dadurch erarbeiteten Lösungen und Ziele für den Großteil der Beteiligten als sinnvoll und richtig erachtet werden. Merkel machte aus einem zunächst kaum zu lösenden Besetzungsstreit zwischen 28 EU-Staaten ein einstimmiges Votum der Staats- und Regierungschefs - in nicht einmal 48 Stunden.

Um dieses Verhalten zu leben, braucht es eine hohe Selbstverantwortung, eine klare innere Haltung sowie ein Gespür für das Machbare und den Gegenüber. Im Ergebnis ergibt dies eine strategische Machtkompetenz, mit der Angela Merkel einen klaren Führungsanspruch Deutschlands innerhalb Europas vertrat sowie mit Klugheit und Bedacht das maximal mögliche Ergebnis erreichte.

Wenn das EU-Parlament zustimmt, würde die Position des EU-Kommissionspräsidenten erstmals seit 1958, als Walter Hallstein diese innehatte, wieder aus Deutschland besetzt. Damit wäre Merkel ein diplomatisches Kunststück gelungen wie bisher nur Konrad Adenauer. Mit Ursula von der Leyen hätte sie aus machtpolitischer Sicht eine loyale Person an einer der wichtigsten europäischen Schaltstellen positioniert, über die sie als Bundeskanzlerin noch mehr Einfluss auf die Arbeit der EU-Kommission nehmen könnte.

Söder auf Distanz gehalten

Ein innenpolitischer Nebeneffekt wäre, dass die Position unionsintern durch die CDU besetzt würde, nicht durch die CSU wie mit Spitzenkandidat Manfred Weber ursprünglich geplant. Damit begänne der "deutsche Draht" nach Brüssel weiterhin im Berliner Kanzleramt - und nicht in der Münchner Staatskanzlei. So wird ein potentieller Kanzleraspirant Markus Söder machttaktisch auf Distanz gehalten.

Diese Art von Führungs- und Streuungsverhalten hat durchaus System und kann Geschichte schreiben. Sie ist das Kennzeichen einer starken Persönlichkeit, für die es keine Probleme gibt sondern ausschließlich Herausforderungen.

1991 wurde Angela Merkel erstmals Ministerin, 2005 Bundeskanzlerin. Nun steht sie kurz davor, das wichtigste Amt der EU mit einer anderen Frau zu besetzen, die auch noch in Brüssel geboren wurde und unter anderem fließend Französisch spricht. Dieser Umstand trug übrigens nicht unwesentlich zur Meinungsbildung des französischen Präsidenten bei, der neben Merkel und Tusk wohl entscheidend an der "kreativen" Lösung mitgewirkt hat, die "fröhlich" angegangen wurde.

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