27.05.2019 
Handelsstreit, Brexit, Sorgen um Italien

"China verlässlicher als England und USA - das ist ein deutliches Zeichen"

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Die EU verändert sich, die Briten suchen den Ausgang, der US-Präsident erhöht den Druck auf China und Iran: Die Lage für deutsche Unternehmen, die auf den Weltmärkten aktiv sind, ist unübersichtlich und risikoreich geworden. Commerzbank-Vorstand Michael Reuther über den neuen Risikomix, zurückgehende Investitionen und das rechte Risikomanagement.

manager magazin: Zunehmender Nationalismus in Europa, Brexit, Handelskrieg zwischen USA und China - die Risiken für Unternehmen auf den Weltmärkten haben zugenommen. Brauchen deutsche Unternehmen im internationalen Geschäft eine neue Strategie?

Michael Reuther: Es ist vor allem die Mischung verschiedener Risiken, die für Unternehmen eine vernünftige strategische Planung derzeit besonders schwierig macht. Der nahende Brexit wurde lange Zeit ausgeblendet, der Handelskonflikt zwischen China und den USA hat sich entgegen den jüngsten Erwartungen wieder verschärft. Hinzu kommen die Schuldenkrise in Italien sowie die Sanktionen der USA gegen Iran und Russland. Dieser Cocktail aus verschiedenen Risiken kann durch Risikomanagement zwar begrenzt, aber nicht aufgefangen werden - weil die Situation schlicht unübersichtlich ist und sich binnen kurzer Zeit stark verändern kann.

mm: Aber auf einen möglichen harten Brexit hätten sich deutsche Unternehmen schon seit Monaten einstellen können - angesichts des endlosen Dramas im britischen Parlament.

Michael Reuther
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    Commerzbank
    Michael Reuther ist Mitglied des Vorstands bei der Commerzbank und zuständig für den Bereich Firmenkunden.

Reuther: Die meisten deutschen mittelständischen Unternehmen stehen beim Thema Brexit seit Monaten an der Seitenlinie: Zwar zögern sie mit Investitionen in Großbritannien, halten an bestehenden Engagements aber fest. Die fehlenden ausländischen Investitionen haben Großbritannien bereits spürbar Wachstum gekostet. Bei einem Brexit ohne Abkommen wird sich diese Tendenz verschärfen - und nicht wenige mittelständische Unternehmen dürften sich in diesem Szenario aus dem britischen Markt verabschieden.

mm: Jedes dritte befragte Unternehmen hält den Brexit für ein Investitions- und Planungshindernis. Beim Thema Handelskrieg ist es fast jedes zweite. Warum schlägt der Handelskrieg zwischen USA und China so stark auf die deutsche Wirtschaft und auf die Stimmung deutscher Unternehmen durch?

Unternehmerperspektiven 2019
"Wie sicher sind die Märkte? Risiken managen im internationalen Geschäft" lautet der Titel der Studie der Initiative "Unternehmerperspektiven". Die Initiative, zu der die Commerzbank gehört, befragt einmal pro Jahr 2000 Eigentümer und Manager aus Unternehmen aller Branchen und Größenordnungen. Die Umfrage wird von Forsa durchgeführt. Die komplette Studie können Sie unter www.unternehmerperspektiven.de herunterladen.

Reuther: Einige Optimisten hatten zeitweise argumentiert, Deutschland und Europa könnten als Ersatz-Handelspartner einspringen, wenn zwischen USA und China immer höhere Zollschranken errichtet werden. Aber der weitaus stärkere, negative Effekt ist der, dass in einer globalisierten Welt immer mehr Protektionismus um sich greift und Strafzölle wieder zum Mittel der Wirtschaftspolitik werden. Das ist Gift für deutsche Unternehmen. Und selbst wenn China und die USA noch einen Kompromiss im Handelskonflikt finden sollten, könnte Deutschland als eines der nächsten Länder in den Fokus der US-Administration geraten. Die hohen deutschen Handelsüberschüsse wurden hier wiederholt kritisiert. Diesen Konflikt könnten die USA nicht mit der Europäischen Union, sondern mit Deutschland austragen.

mm: Dies alles führt dazu, dass mittelständische Unternehmen ausgerechnet China aktuell als Handelspartner als verlässlicher ansehen als die USA oder Großbritannien. China hält jedes dritte Unternehmen für verlässlich, die USA nur jedes sechste und Großbritannien nur jedes zwölfte befragte Unternehmen. Eine solche Reihenfolge wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Erleben wir eine neue Ost-Orientierung der deutschen Wirtschaft?

Reuther: Moment. Die USA haben sich nicht erst mit dem amtierenden US-Präsidenten von Europa abgewandt. Auch Obama hatte den Blick bereits nach Asien gerichtet. Doch unter Trump haben sich die Abkehr- und Abschottungstendenzen enorm verstärkt - das ist zutiefst zu bedauern angesichts der Wertegemeinschaft, die Europa und die USA weiterhin bilden. Wenn Handelspartner wie die USA in Europa Vertrauen verlieren, geraten naturgemäß andere, zum Teil neue Partner stärker in den Blick. Länder wie China, Indien oder Vietnam sind bei deutschen Unternehmen schon seit längerer Zeit beliebte Investitionsstandorte - hier handelt es sich um langfristige und in der Regel wachsende Engagements. Aber dennoch: Dass China und dessen Politikstil inzwischen als verlässlicher eingeschätzt wird als die USA, ist für unsere Politik wie für unsere Ökonomie ein deutliches Zeichen. Hoffnung macht indes, dass 41 Prozent der exportierenden Unternehmen nach wie vor in den USA tätig sind und 16 Prozent der exportierenden Unternehmen diese als potentiellen Absatzmarkt sehen. Die USA zählt damit nach wie vor zu den wichtigsten Absatzmärkten außerhalb des Euro-Raums.

mm: Geringe Verlässlichkeit bedeutet für Unternehmen, dass sie kaum planen können und folglich auch nicht investieren. Wie steht es um die Internationalisierungs-Strategien der deutschen Mittelständler?

Reuther: Wir beobachten hier ein Modell der konzentrischen Kreise. Die kleineren Unternehmen konzentrieren sich auf Grund der steigenden internationalen Risiken und Unwägbarkeiten auf die deutschsprachige D-A-CH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). 63 Prozent von ihnen geben außerdem an, sich auf ihre Kernprodukte zu konzentrieren. Die mittelgroßen Unternehmen konzentrieren ihre Aktivitäten auf die Euro-Zone, weil sie dort keine Währungsrisiken haben und mit einheitlichen Regularien rechnen können. Die größeren Unternehmen gehen über die Euro-Zone hinaus. 65 Prozent von ihnen geben an, dass sie sich auf die Erschließung neuer Auslandsmärkte konzentrieren. Mehr als 75 Prozent sagen außerdem, dass sie sich auf Intensivierung von Innovationsmöglichkeiten konzentrieren. Sie müssen wachsen und haben keine Alternative zur Expansion. Und dann ist es eben wichtig, ein gutes Risikomanagement zu betreiben und unternehmerische Aktivitäten in jene Länder zu verlagern, in denen die Risiken beherrschbar scheinen, wie etwa Indonesien.

mm: Wie sieht ein solches Risikomanagement aus? Wer kann helfen?

Reuther: Viele Unternehmen bemühen sich verstärkt um Allianzen und Netzwerke, sie suchen Rat und Hilfe bei Verbänden und bei ihren Banken. Natürlich können Banken mit internationalem Geschäft zum Beispiel Währungsrisiken und Schwankungen bei Rohstoffpreisen abfedern und auch bei strategischen Fragen zur Seite stehen. 38 Prozent der Unternehmen erwarten beispielsweise Unterstützung bei der Entwicklung individueller Lösungen für schwierige Länder. Banken und Verbände können entsprechend sehr wohl bei operativen Problemen unterstützen. Aber für die geeigneten Rahmenbedingungen innerhalb eines Landes muss letztlich die Politik sorgen.

mm. Die Bundesregierung hat Unternehmen dazu ermutigt, trotz der US-Sanktionen ihre Handelsbeziehungen zum Iran aufrechtzuerhalten. Genutzt hat es wenig, auch viele deutsche Unternehmen ziehen sich zurück.

Reuther: Hier reden wir über die unveränderte Macht des US-Dollars, den die US-Politik sehr effektiv zu nutzen weiß. Das Risiko, keine Dollargeschäfte mehr abwickeln zu können, ist für die meisten Unternehmen einfach zu groß - unabhängig davon, was die deutsche Politik ihnen empfiehlt. Aus diesem Dilemma kommen wir nur heraus, wenn wir ein einiges, schlagkräftiges Europa mit einer starken Währung schaffen, das von USA und China ernst genommen und nicht zerrieben wird.

mm: Die Folge ist, dass viele deutsche mittelständische Unternehmen sich inzwischen mit Investitionen im Ausland zurückhalten. Ist das die richtige Antwort auf die steigenden Risiken auf den Weltmärkten?

Reuther: In der Tat zögern derzeit viele Unternehmen bei ihren Auslandsinvestitionen, obwohl sie eigentlich das Potenzial zur Internationalisierung haben. Umso wichtiger ist es, diese Risiken zu analysieren und sich Hilfe zu holen, um die beherrschbaren Risiken zu managen und abzusichern. Die Empfehlung, aktuell mit einem Sicherheitsgurt unterwegs zu sein, ist verständlich. Dennoch kann man auch in der aktuellen Situation Chancen auf den Weltmärkten nutzen: Der gute Ruf von Produkten "Made in Germany" ist mehr denn je ein wichtiger Verkaufstreiber, das sagen 81 Prozent der Unternehmen. Außerdem bietet die Digitalisierung Unternehmen Chancen, sich mit Lieferanten und Kunden neu zu vernetzen und neue Kundengruppen zu gewinnen. Knapp dreiviertel der Unternehmen sagt zudem, dass die Finanzierungsbedingungen derzeit günstig sind. Fazit: Die Welt ist für Unternehmen unübersichtlicher und riskanter geworden. Dennoch bieten die Weltmärkte noch gute Chancen für Firmen, die Risiken managen können und neue Möglichkeiten entdecken.

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