19.11.2018 
Friedrich Merz als Millionär

Wenn Merz zur Mittelschicht zählt, bin ich Bodensatz

Ein Kommentar von

Ein Interview der "Bild"-Zeitung mit Leserfragen hat dem CDU-Chefkandidat Friedrich Merz erstaunliche Aussagen entlockt. Leicht gequält bekannte sich der Politiker auf mehrfache Nachfrage, Millionär zu sein ("Ich liege jedenfalls nicht darunter."). Soweit wenig überraschend angesichts seiner vielen Aufsichtsratsmandate. Aber: "Ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen" - zu "dieser kleinen, sehr vermögenden, sehr wohlhabenden Oberschicht mit Sicherheit nicht".

Es ist der Schwachpunkt seiner Kandidatur: Der 63-jährige Wirtschaftsanwalt und passionierte Privatflieger muss fürchten, als Teil einer abgehobenen Elite wahrgenommen zu werden. Zugleich werfen die Äußerungen ein Schlaglicht auf die unterschiedliche Wahrnehmung der zentralen Debatte über Reichtum und Armut im Land.

Für Mittel- und Oberschicht gibt es keine offizielle Definition, daher reichlich Spielraum für subjektive Bewertung. Wie oft gerade die Reichen auch zahlenmäßig die gesellschaftlichen Verhältnisse verkennen, zeigt eine Auswertung der österreichischen Arbeiterkammer für den Selbsttest "Bin ich reich?" anhand detaillierter Vermögensdaten der Nationalbank.

Tendenziell sehen sich alle Beteiligten eher in der Mitte, am stärksten ausgeprägt aber bei den Reichen. Während immerhin ein Drittel der ärmsten 10 Prozent sich selbst richtig dem untersten Zehntel der Vermögensverteilung zuordnen konnten, gab es ab dem siebten Dezil (also unter den reichsten 40 Prozent) trotz formell höherer Bildung kaum noch richtige Antworten. "Von den reichsten 10 Prozent schätzt sich kein einziger richtig selbst ein", schreiben Pia Kranewetter und Miriam Rehm im Blog von "Arbeit & Wirtschaft".

Mittleres Nettovermögen eines deutschen Haushalts bei 60.000 Euro

In Deutschland ist die Vermögensverteilung grob ähnlich. Laut Bundesbank beträgt das mittlere Nettovermögen eines deutschen Haushalts gut 60.000 Euro. Mit 722.000 Euro würde man schon zu den reichsten 5 Prozent zählen - zweifelsfrei Oberschicht.

Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird eine Pyramide gezeigt, wo der "Durchschnitt" eine gestrichelte Linie knapp über dem Fuß des Gebäudes bildet. Darüber gibt es mehrere Stufen des Reichtums: überdurchschnittlich, wohlhabend (ab dem Doppelten des Durchschnitts), sehr wohlhabend (ab dem Dreifachen), materiell Reiche, materielle Elite und ganz an der Spitze Milliardäre. Merz wäre demnach mindestens "sehr wohlhabend", wenn nicht "materiell reich".

Allerdings sprach Merz ausdrücklich von dieser "sehr kleinen, sehr vermögenden Oberschicht". Anscheinend vergleicht er sich weniger mit der Masse der Bürger als den Superreichen, die über ihm stehen.

Auf der manager-magazin-Liste der 1001 reichsten Deutschen steht Merz jedenfalls nicht. Für diese obersten 0,01 Prozent hätte es schon 90 Millionen Euro Vermögen gebraucht. Die Arnsberger Familie Krengel, in deren Klopapierfabrik Wepa Merz den Aufsichtsrat führt, steht mit 600 Millionen Euro aber auf Platz 260.

Besonders an der Spitze hat die Vermögensverteilung eine Unwucht, die von den Statistikern kaum noch erfasst wird. Sollte Friedrich Merz über den CDU-Vorsitz ins Bundeskanzleramt kommen, wäre er dort der erste Millionär. Doch was ist der richtige Vergleich? In anderen Ländern wie den USA, Chile oder der Tschechischen Republik stehen Milliardäre an der Regierungsspitze, also mindestens tausendfache Millionäre.

Für den Mittelwert reicht Merz bereits ein einziges seiner Mandate

Üblicherweise werden soziale Schichten eher am Einkommen als dem Vermögen gemessen.

Für das gewerkschaftsnahe Institut WSI sind alle, die mehr als doppelt so viel verdienen wie der Mittelwert, reich. Die Schwelle liegt bei 40.639 Euro für 2015. Die hätte Merz schon mit den 50.000 Euro Aufsichtsratsvergütung bei der deutschen Tochter der Bank HSBC erreicht. Wie viel er in anderen Mandaten wie Blackrock, Stadler Rail oder im Hauptberuf als Senior Counsel der Düsseldorfer Kanzlei Mayer Brown verdient, ist nicht öffentlich.

Auch das arbeitgebernahe Institut IW wendet auf seiner Seite "Arm und Reich" Definitionen an, die Merz aus der Mittelschicht ausschließen. Im engeren Sinn Mittelschicht ist ein Paarhaushalt mit zwei Kindern höchstens bis 5540 Euro netto im Monat, "einkommensstarke Mittelschicht" noch bis 9230 Euro.

Wer mehr als 3441 Euro (brutto) im Monat für einen Vollzeitjob bekommt, gehört laut Statistischem Bundesamt schon zum gehobenen Drittel. Auch der Autor dieses Textes - der allerdings Teilzeit arbeitet - zählt dazu. "Besserverdiener" sind laut dem Amt die 10 Prozent mit den höchsten Gehältern: ab 31 Euro pro Stunde. Die 5000 Euro, die Merz einst als Stundensatz für den gescheiterten Verkauf der WestLB abrechnete, gingen immerhin nicht nur an ihn persönlich.

Schon als Bundestagsabgeordneter vor 2009 war Friedrich Merz an der Spitze der Topverdiener, als die Nebeneinkünfte erstmals (in breiten Spannen) veröffentlich wurden - wogegen Merz erfolglos klagte. Mindestens 56.000 Euro ergaben die Angaben für das Jahr 2006. manager-magazin.de schätzte die Nebeneinnahmen damals vorsichtig auf eine Viertelmillion.

Nicht so stark wie bei den Vermögen, doch auch beim Einkommen kann der Vergleich verzerrt werden durch den Blick nach oben. Über Merz steht beim Vermögensverwalter Blackrock Konzernchef Larry Fink. Und der wird mit 28 Millionen Dollar im Jahr vergütet.

Viele Zahlen, viele Definitionen. Merz selbst könnte am besten für Klarheit sorgen. Release your tax returns, Friedrich!

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