09.08.2019 
Minus 8 Prozent gegenüber Vorjahr

Deutsche Exporte knicken ein

Deutschland droht eine Rezession: Die schwächere Nachfrage, der Handelskrieg zwischen USA und China sowie die Abkühlung der globalen Konjunktur schlägt immer stärker auf Europas größte Volkswirtschaft durch. Nach dem deutlichen Rückgang der Industrieproduktion im zweiten Quartal sind nun auch die deutschen Exporte stark zurückgegangen: Exportiert wurden im Monat Juni Waren im Umfang von 106,1 Milliarden Euro, das war im Vorjahresvergleich ein Rückgang von acht Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag mitteilte. Im Vergleich zum Mai sanken die Exporte um 0,1 Prozent.

Auch die Einfuhren nahmen deutlich ab. So wurden im Juni Waren im Wert von 89,3 Milliarden Euro importiert, das war ein Minus von 4,4 Prozent verglichen mit Juni 2018. Im Vergleich zum Mai nahmen die Importe um 0,5 Prozent zu. Die Außenhandelsbilanz schloss den Statistikern zufolge im Juni mit einem Überschuss von 16,8 Milliarden Euro ab, kalender- und saisonbereinigt waren es 18,1 Milliarden Euro.

Exporte außerhalb der EU sanken um knapp 11 Prozent

Besonders stark gingen im Juni die Exporte in Länder außerhalb der EU zurück - sie sanken um 10,7 Prozent auf einen Umfang von 42,6 Milliarden Euro. Von dort importiert wurden Waren im Wert von 36 Milliarden Euro, das war ein Minus von 8,9 Prozent. Die Exporte in EU-Länder nahmen um 6,2 Prozent ab, die Importe sanken im Jahresvergleich um 1,1 Prozent.

Weiteres Rezessionssignal

Auch die Industrie-Produktion in Deutschland war zuvor unerwartet stark geschrumpft und macht damit eine Rezession wahrscheinlicher. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im Juni zusammen 1,5 Prozent weniger her als im Vormonat, teilte das Wirtschaftsministerium am Mittwoch mit. Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang um 0,4 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich gab die Industrieproduktion sogar um 5 Prozent nach.

Im gesamten zweiten Quartal nahm die Produktion damit um 1,8 Prozent ab. "Die Industrie bleibt konjunkturell im Abschwung", kommentierte das Ministerium. Die zunehmenden Handelsspannungen zwischen den weltgrößten Volkswirtschaft USA und China machen eine rasche Trendwende wenig wahrscheinlich.

Für die Volkswirte der ING-Bank sind die Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums "niederschmetternde Nachrichten". Die Zahlen seien "erschütternd, ohne Silberstreif am Horizont", schreiben die Analysten in einer Einschätzung. Das heißt, es gebe derzeit kaum Hoffnung auf Besserung: "Wir sollten uns auf eine Rezession in Deutschland vorbereiten."

Nicht nur Autoindustrie leidet

"Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen", sagte ifo-Konjunkturexperte Robert Lehmann. Die pessimistischen Stimmen überstiegen die optimistischen inzwischen deutlich. "Derzeit ist ein Ende der Rezession in der deutschen Industrie nicht absehbar."

Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental kündigte am Mittwoch an, nach dem jüngsten Gewinneinbruch Stellen zu streichen. Am Vortag hatte bereits Bosch mitgeteilte, dass die schwächere Nachfrage vor allem nach Dieselmotoren Stellen kosten werde.

Bislang wurde die Konjunktur in Deutschland vom Bauboom und der Konsumfreude der Verbraucher am Laufen gehalten. Zuletzt hatte sich die Konsumlust der Menschen allerdings etwas eingetrübt. Die Bundesbürger werden beim Geldausgeben zunehmend vorsichtiger.

BIP dürfte im zweiten Quartal gesunken sein - und könnte im dritten weiter sinken

Angesichts der andauernden Schwäche der deutschen Industrie gehen Volkswirte davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal im Vergleich zum Jahresanfang nicht mehr gewachsen, möglicherweise sogar leicht geschrumpft ist. Eine erste Schätzung dazu veröffentlicht das Statistische Bundesamt an diesem Mittwoch (14. August). Im ersten Quartal war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen

Die meisten Ökonomen gehen nun davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft im Frühjahr geschrumpft ist. "Ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt dürfte damit im zweiten Quartal kaum vermeidbar sein", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle spricht sogar von einem "Auftakt zu einer technischen Rezession", da im laufenden dritten Quartal auch ein Minus herauskommen dürfte.

Bei zwei negativen Quartalen in Folge wird von einer "technischen Rezession" gesprochen. Zu Jahresbeginn hatte es noch zu einem Wachstum von 0,4 Prozent gegeben. Eine erste Schätzung für das zurückliegende Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am Mittwoch. Derzeit rechnen Experten mit einem Minus von 0,2 Prozent.

Deutsche Wirtschaft ist Wette auf globale Konjunkturstärke

"Derzeit gibt es für Volkswirtschaften drei Misserfolgsfaktoren: Ein hoher Industrieanteil, eine hohe Exportquote und eine hoher Anteil an Ausfuhren in die Region Asien", sagte DekaBank-Ökonom Scheuerle. "In allen drei Kategorien punktet Deutschland negativ. Die globalen Verwerfungen und politischen Unwägbarkeiten belasten die deutschen Unternehmen und ihre Kunden im In- und Ausland."

Dax im Dauerstress: Warum die deutsche Wirtschaft so anfällig ist

"Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen." Der aktuellen Ifo-Umfrage zufolge schätzen sie die Produktionserwartungen so schlecht ein wie seit November 2012 nicht mehr. "Dahinter stecken die Handelskonflikte und das noch immer nur mit angezogener Handbremse wachsende China", sagte VP-Chefvolkswirt Gitzel. "Der ungelöste Brexit-Prozess belastet Deutschland noch zusätzlich."

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