24.03.2020 
Kollateralschäden der Krisenpolitik

Warum Lockdown und Staatsmilliarden nicht die Lösung sind

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Der Kampf gegen das Virus lässt sich nur mit einer realistischen Strategie gewinnen. Mit einer Kontaktsperre über Monate wird es nicht gelingen. Lesen Sie unser regelmäßiges Makroökonomie-Update zur Krise.

Ob der Satz wirklich so fiel, ist umstritten. Aber auf dem Höhepunkt des Vietnam-Kriegs wurde das kolportierte Zitat eines amerikanischen Frontsoldaten zum Inbegriff des Wahnsinns: "We had to destroy the village to save it - Wir mussten das Dorf zerstören, um es (vor dem Feind) zu retten."

Der Kampf gegen das Corona-Virus ist natürlich keine eskalierende Militäraktion. Er ist jedoch an dem Punkt angekommen, an dem nun gründlich über die Gesamtstrategie gesprochen werden muss. Die Kollateralschäden der Politik könnten sonst vollkommen aus dem Ruder laufen.

Einzelne Manager thematisieren das schon: Alexander Dibelius, früher Berater, Banker und auch einmal Arzt, jetzt beim Private-Equity-Investor CVC (Douglas, Tipico, Breitling). Matthias Döpfner, der Chef des Axel Springer Verlags (Bild, Welt). Weitere Köpfe aus der Wirtschaft und dem Gesundheitswesen, aus der Wissenschaft und aus der Politik sollten sich jetzt ebenfalls zu Wort melden. Denn es geht hier nicht um Dibelius, Döpfner oder persönliche PR. Es geht um Entscheidungen von tatsächlich historischer Tragweite.

Die Politik, die der rasant anwachsenden Pandemie lange nur hinterherlief, hat sich in den vergangenen Tagen auf die Höhe des Problems gebracht. Das öffentliche Leben ist nun weitgehend stillgelegt. Die Mobilisierung des Gesundheitswesens läuft. Riesige fiskalische und monetäre Hilfen stehen bereit, um der Wirtschaft durch die angeordnete Zwangspause zu helfen. Ökonomen in Deutschland und in aller Welt entwickelten in Windeseile Konzepte und Instrumente, um die unausweichliche Rezession zu managen.

Viele Fragen um COVID-19 sind noch offen. Klar ist aber, dass die neue Krankheit hoch ansteckend ist. Und dass sie in schweren Fällen lebensbedrohlich wird. Daraus folgt, dass die schiere Zahl der schweren Fälle selbst die Kliniksysteme hoch entwickelter Länder überrollen kann. Eine Katastrophe wie in Italien ist dann die Folge.

Die Botschaft der deutschen Politik an die Bürger war deshalb bisher sehr einfach: Wir müssen die neuen Infektionen drastisch einbremsen - "die Kurve abflachen" - , so dass die Kliniken nicht überfordert werden. Wir gewinnen damit Zeit für den Ausbau der Versorgungskapazitäten. Und für die Suche nach dem Impfstoff, der das Desaster schließlich beenden wird.

Die effektivste Methode für das "Abflachen der Kurve" ist rabiat, aber schnell wirksam: Minimierung aller physischen Kontakte - also des öffentlichen Lebens. China hat das in Wuhan vorgemacht.

Vollbremsung in China war richtig - aber nun geht es ums Ganze

Angesichts der exponentiell steigenden Fallzahlen war diese Vollbremsung richtig. Schon auf Sicht weniger Monate wirft sie aber zwei gravierende Probleme auf:

Es ist sehr einfach, den Verweis auf die hohen Kosten moralisch zu diskreditieren. Geldgier oder Gesundheit? Keine Frage, wo da die Guten stehen müssen! Soll Dibelius halt Millionen verlieren. Menschenleben dürfen auch in dieser Krise keinen Preis haben.

Auf dem Spiel stehen aber nicht nur einige Milliarden. Hier geht es um das Ganze: Wenn Unternehmen am Ende massenweise schließen müssen, Produktionsstrukturen zerfallen, dann bringt das Millionen Menschen in Not. Es gefährdet zugleich die Fundamente des Sozialstaats und letztlich die Stabilität der Gesellschaft. Auch gesundheitspolitisch wäre das eine Katastrophe.

Beliebig auszudehnen ist finanzielle Notbeatmung nicht

Den Schock nach der Weltfinanzkrise oder auch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft nach der deutschen Währungsunion konnte ein starker Sozialstaat abfedern. Beliebig auszudehnen ist solche finanzielle Notbeatmung aber nicht. Denn auch die Kreditwürdigkeit eines Staates basiert letztlich auf der Leistungskraft seiner Wirtschaft.

Wohlgemerkt: Deutschland kann sich seine aktuelle Krisenpolitik für eine Weile problemlos leisten. Es geht also nicht darum, jetzt aus Knauserigkeit wüste Verarmungsszenarien auszumalen. Es geht um die Erkenntnis, dass die gegenwärtige Politik nicht unbefristet fortgesetzt werden kann - vielleicht nicht einmal länger als ein Quartal.

Selbst das reiche Deutschland kann sich nicht beliebig viel Zeit kaufen. Das muss die Politik bei ihrer Strategie gegen das Virus einkalkulieren.

Auch nach radikaler Quarantäne droht eine zweite Ansteckungswelle

Ob es funktioniert, die Gefahr durch eine radikale Quarantäne gleichsam auszutrocknen, wird sich in den kommenden Wochen in Asien zeigen. Wer dem Virus nur erfolgreich ausgewichen ist, läuft Gefahr, sich zu einem späteren Zeitpunkt dann doch zu infizieren. Auf eine erste kann damit eine zweite Ansteckungswelle folgen.

Aus der heutigen Politik des Abbremsens, um "die Kurve abzuflachen" und die Kliniken nicht zu überfordern, müsste dann ein wiederholtes Stop-and-Go werden. Bis vielleicht irgendwann der Impfstoff gefunden ist.

Sowohl aus wirtschaftlichen wie aus gesundheitspolitischen Gründen kann die aktuelle Regierungsstrategie nicht das letzte Wort sein. Für den Schutz gegen eine lebensbedrohliche Ansteckung muss das Land deutlich effizientere Wege finden als die landesweiten Kontaktsperren.

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