25.03.2020 
Kosten des Abstandhaltens müssen sinken

Testen, testen, testen

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Die USA stemmen sich mit Billionensummen gegen den Corona-Crash. Entscheidend ist aber, dass die Kosten des sozialen Abstandhaltens gesenkt werden.

Rund zweitausend Milliarden Dollar wirft der US-Kongress in die Schlacht gegen die Corona-Krise. Diese Summe entspricht rund einem Zehntel der amerikanischen Wirtschaftsleistung und immerhin fast 2,5 Prozent des Welt-BIP. Die US-Notenbank hat weitere 4000 Milliarden Dollar bereitgestellt, mit denen unter anderem kleinere und mittlere Unternehmen liquide gehalten werden sollen.

Auch Amerika klotzt also wie seit Jahrzehnten nicht. Das Grundproblem all der Hilfspakete bleibt allerdings immer wieder dasselbe: Sie dienen der Schadensbegrenzung während einer wirtschaftlichen Zwangspause, kaufen gleichsam Zeit für die Aufrüstung des Gesundheitssystems. Sie sind eine Palliativmedizin, mit der die schmerzhaften Symptome gelindert werden, die der ökonomische Stillstand verursacht. Eine wirkliche Lösung für die Virus-Krise bieten sie nicht.

Volkswirte können zu den entscheidenden medizinischen Fragen rund um Covid-19 nichts beitragen. Die Weltwirtschaftskrise wurde einst zur Stunde eines John Maynard Keynes, die jüngeren Finanzcrashs zum Moment eines Ben Bernanke oder Mario Draghi. Die drohende globale Virus-Depression bleibt dagegen im Kern ein naturwissenschaftliches Problem.

Dennoch können ökonomische Überlegungen helfen, im Kampf gegen das Virus die richtigen Prioritäten zu setzen. Nachdem die Palliative nun überall beschlossen sind, wird diese Aufgabe immer wichtiger. Erste Konzepte liegen auch schon vor.

Der zentrale Ansatzpunkt sind die Daten. Es müssen Ressourcen in großem Stil investiert werden, damit die tatsächliche Ausbreitung des Virus nachvollzogen und beobachtet werden kann.

Die Ökonomen des Kieler Instituts plädieren dafür, möglichst schnell einen Breitentest aufzusetzen, mit dem europaweit vergleichbare Daten gewonnen werden. Repräsentative Stichproben, in denen regelmäßig einige Tausend Menschen getestet werden, können die Informationsbasis für die gesundheitspolitischen Entscheidungen deutlich verbessern. Wichtig ist hier nicht das (vielleicht ungenaue) Testergebnis im Einzelfall. Sondern mehr Durchblick für die Politik, die ein Gesamtbild gewinnt.

Noch wesentlich weiter geht der Plan, für den der US-Ökonom Paul Romer wirbt: Regelmäßige Tests für jeden Einzelnen, damit die Strategie der physischen Trennung, des allgemeinen "Abstandhaltens", sehr viel gezielter umgesetzt werden kann. Der aktuelle Weg der kollektiven Zwangspause ist schließlich nur ein extrem grobschlächtiger Notbehelf. Er zieht unnütze Grenzen in riesiger Zahl hoch. Gleichzeitig lässt er viele Risikokontakte fortbestehen - etwa im Gesundheitssystem, im Notbetrieb der Wirtschaft oder auch in Haushalten.

Leistungsfähige Testverfahren für den Masseneinsatz gibt es bisher noch nicht. Romer rechnet aber vor, dass sich für ein solches Projekt auch Milliardeninvestitionen lohnen. Denn wenn nur noch die in Quarantäne gehen, die tatsächlich infiziert sind, dann reduziert das die Kosten des Abstandhaltens erheblich.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Alan Garber, einem Gesundheitsökonomen aus Harvard, fordert Romer in einem Artikel in der "New York Times" außerdem massive Investitionen in Schutzkleidung. Damit würde insbesondere das medizinische Personal mehr Sicherheit erhalten.

Denen, deren Einkommen durch den Corona-Crash wegbrechen, helfen solche Ideen natürlich erst einmal wenig. Paul Romer, ein Wirtschaftsnobelpreisträger und Ex-Chefökonom der Weltbank, ist seit jeher ein kreativer Außenseiter, der vor allem über gesellschaftliche Innovationen nachdenkt. Er erfand einst das Konzept der privat regierten "Charter Cities" und war ein Pionier im Geschäft des Online-Learning.

Tests und Schutzkleidung wird es in den benötigten riesigen Größenordnungen auch nur dann geben, wenn die Politik das tatsächlich mit Hochdruck vorantreibt und finanziert.

Gemessen an den billionenschweren Finanzpaketen, die als reine Palliativmaßnahmen organisiert werden müssen, ist dieser Aufwand aber fast schon trivial. Ein allgemeines, völlig unterschiedsloses Abstandhalten können auch die USA nicht dauerhaft finanzieren. Wenn man das tatsächlich 12 oder 18 Monate lang durchziehe, so schreiben Romer und Garber, "dann werden die meisten uns zwar noch leben. Aber unsere Wirtschaft ist dann tot."

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