26.06.2019 
Vestager als Kommissionspräsidentin - oder doch die Kanzlerin

Angela Merkel in Brüssel können wir uns nicht leisten

Eine Meinungsmache von Daniel Stelter

Angela Merkel war eine teure Kanzlerin für die hiesigen Steuerzahler. Die Kosten für ihren Absprung nach Brüssel dürften uns aber endgültig überfordern.

Am Sonntag setzen die Staatschefs der EU ihr Postengeschacher in einem Sondergipfel fort. Manfred Weber hatte nie eine realistische Chance Jean-Claude Juncker nachzufolgen. Der französische Präsident Macron hat schon vor der Wahl klar gemacht, was er von der Idee des "Spitzenkandidaten" hält: nichts. Insofern war es ein reines Wahlkampftheater, welches aufgeführt wurde.

Selbst wohlwollende Parteifreunde Webers räumen hinter geschlossenen Türen ein, dass dieser im Konzert mit den Regierungschefs ein Leichtgewicht ist. Sicherlich wird man für Weber einen geeigneten Versorgungsposten finden.

Daniel Stelter

Bleibt die Frage nach den Szenarien. Die einzige Chance für das Parlament den eigenen Einfluss zu sichern, wäre die Nominierung von Margrethe Vestager. Selbst der französische Präsident könnte sich mit der kompetenten Dänin, die in den letzten Monaten intensiv an ihrem Französisch gearbeitet hat, leben. Er könnte sogar noch versuchen, einen Franzosen an der Spitze der EZB zu installieren, quasi als "Entschädigung" dafür, dass er den beinharten Brexitverhandler Michel Barnier nicht durchsetzen konnte.

Vestager an der Spitze der Kommission - oder sogar Angela Merkel?

Alternativ wird ein Szenario diskutiert, welches mit vordergründig geballter Kompetenz Europa voranbringen soll: Die Französin Christine Lagarde, zur Zeit Chefin des IWF, als neue EZB-Präsidentin und Angela Merkel als Kommissionspräsidentin. Immer wieder hat Angela Merkel mit dem Gedanken eines Wechsels nach Brüssel kokettiert - so in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor einigen Wochen - nur um es kurz darauf wieder zu dementieren. Ich denke: Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Die fetten Jahre sind vorbei
Unser Meinungsmacher Daniel Stelter gehört inzwischen zu den gefragtesten Freigeistern der Republik. Lesen Sie auch sein Streitgespräch zum aktuellen Topthema unseres Partnermediums DER SPIEGEL über den Abstieg der Wirtschaftsmacht Deutschland: "Die fetten Jahre sind vorbei".

Aus deutscher Sicht wäre die Kombination Merkel/Lagarde auf den beiden wichtigsten Posten der EU nur auf den ersten Blick ein Gewinn. Was vordergründig nach einer Stärkung des deutschen Einflusses in EU und der Eurozone aussieht, dürfte sich wie viele Entscheidungen der Kanzlerin in den letzten 14 Jahren als ein für den Steuerzahler teures Projekt der persönlichen Machtsicherung erweisen.

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