15.11.2019 
Abgang nach 18 Monaten mit hoher Abfindung

Machtkampf bei der Bahn entschieden - Finanzchef Doll geht

Im Machtkampf bei der Deutschen Bahn hat sich Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) offenbar im zweiten Versuch durchgesetzt: Nach nur eineinhalb Jahren bei der Deutschen Bahn steht der Finanzvorstand, Alexander Doll, vor dem Abgang. Der Manager hat am Freitag nach Informationen von manager magazin den Auflösungsvertrag ausgehändigt bekommen, diesen aber noch nicht unterschrieben. Einige Details müssten noch ausgehandelt werden, hieß es. Der Aufsichtsrat müsse der Auflösung in einer Sondersitzung am Montag noch zustimmen.

Doll, der erst im Sommer 2018 sein Amt angetreten hat, würde seinen Vertrag über die ursprünglich vereinbarte volle Laufzeit ausgezahlt bekommen. Dem Vernehmen nach würde die Abfindung auf einen siebenstelligen Betrag hinauslaufen. Wer den Posten übernimmt, war am Freitag zunächst unklar. Die Bahn verwies auf die Aufsichtsratssitzung und kommentierte die Information zunächst nicht.

Doll war erst im April 2018 in den Vorstand berufen worden und ist dort seit Januar dieses Jahres auch für die Finanzen zuständig. Daneben leitet er das Ressort des defizitären Güterverkehrs. Diesen Posten wird ab Januar die bisherige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, übernehmen.

Arriva-Desaster: Scheuer drängte auf Rauswurf von Doll

Für einen Abgang von Doll hatte sich wegen Problemen beim Arriva-Verkauf auch Verkehrsminister Scheuer hinter den Kulissen stark gemacht. Zudem hieß es, Doll habe außerdem das Vertrauen des Bahn-Aufsichtsratschefs sowie einer großen Mehrheit seiner Vorstandskollegen verloren.

In seiner Funktion als Finanzvorstand sollte er den Verkauf der britischen Bahn-Tochter Arriva vorantreiben - hatte damit aber keinen Erfolg. Das Vorhaben wurde bei der Aufsichtsratssitzung in der vergangenen Woche vorerst gestoppt. Einen Käufer gibt es nach wie vor nicht.

Doll lehnte freiwilligen Rückzug ab

Dolls Ablösung sollte bereits Anfang November bei der Aufsichtsratssitzung der Bahn beschlossen werden, falls er nicht freiwillig gehe. Das lehnte Doll Medienberichten zufolge vor der Sitzung ab.

Hintergrund ist auch ein Zerwürfnis im Vorstand der Bahn: Die kriselnde Güterbahn DB Cargo, die Doll seit 1,5 Jahren mitführte, sollte einen eigenen Vorstand bekommen. Diese Funktion übernimmt nun Sigrid Nikutta. Nikutta war den Angaben zufolge bereits früher für diesen Posten im Gespräch gewesen, was aber am Widerstand vom jetzigen Bahnchef Richard Lutz und Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla gescheitert sei.

Auch Bahnchef Lutz unter Druck

Die hoch verschuldete Deutsche Bahn und Konzernchef Richard Lutz stehen trotz milliardenschwerer Finanzzusagen des Bundes unter Druck. Scheuer hatte Lutz ein Ultimatum bis 14. November gesetzt, um ein schlüssiges Konzept für Verbesserungen etwa bei Pünktlichkeit und Service und vor allem beim Güterverkehr vorzulegen. Lutz hatte öffentlich daraufhin hingewiesen, dass Änderungen Zeit bräuchten. "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", hatte er gesagt.

Der Streit in Vorstand und Aufsichtsrat erschwert nun die Bemühungen für Verbesserungen zusätzlich. Tritt Doll nicht doch noch freiwillig ab, müsste er als Finanzvorstand das von Scheuer bis nächsten Donnerstag eingeforderte Konzept mit vorstellen.

Bahn stoppt Arriva-Verkauf

Die Deutsche Bahn stoppt außerdem vorerst den geplanten milliardenschweren Verkauf ihrer Auslandsverkehrstochter DB Arriva. Die zu erwartenden Erlöse lägen erheblich unter dem Buchwert, hieß es am Donnerstag im Umfeld des Konzerns. Der Verkauf sollte eigentlich zusätzliche Milliarden für die Eisenbahn in Deutschland bringen. Der Konzern hatte monatelang einen Käufer gesucht und parallel auch einen Börsengang als Plan B vorbereitet.


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Arriva betreibt Busse und Bahnen in 14 europäischen Ländern, macht aber gut 60 Prozent seines Umsatzes in Großbritannien, wo es auch seinen Sitz hat. Ein Börsengang birgt daher Risiken, weil nicht sicher ist, wann und wie Großbritannien wie geplant aus der EU austritt. In Medienberichten war von einem möglichen Erlös von bis zu vier Milliarden Euro die Rede. Davon müssten aber noch mehr als eine Milliarde Euro Schulden und Pensionsverpflichtungen abgezogen werden.

Die Bahn ist hoch verschuldet. Nachdem der geplante Verkauf sich hingezogen hatte, entschied der Aufsichtsrat im September, zunächst über eine Anleihe bis zu zwei Milliarden Euro frisches Geld aufzunehmen.

Hoffnung der Bahn ruht nun auf Sigrid Nikutta

Nun setzt die Bahn ihre Hoffnungen auf die neue Vorständin Sigrid Nikutta. Nikutta soll das Gütergeschäft aus den roten Zahlen holen und dafür einen Posten im Konzernvorstand der Bahn bekommen, wie mm vorab berichtete. Nikutta war in der Vergangenheit schon als Cargo-Chefin im Gespräch. Aufsichtsräten zufolge war ihre Berufung aber am Widerstand von Lutz und Pofalla zunächst gescheitert. Dass der Aufsichtsrat sich nun für Nikutta ausgesprochen hat, gilt als Niederlage für beide.

la/dpa

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