23.03.2019 
Misstrauen gegen das System

So gefährlich sind falsche Wahrheiten

Von Henrik Müller

Das Brexit-Desaster zeigt: Demokratie braucht eine solide Faktenbasis, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Wenn der Glaube an die Wahrheit bröckelt, droht Unheil - nicht nur für Großbritannien.

Was ist wahr? Eigentlich eine einfache Frage. Aber sie ist nicht mehr so leicht zu beantworten. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger glauben, sie kämen häufig mit Meldungen in Kontakt, die falsch seien oder zumindest die Wirklichkeit verfälscht wiedergäben. Immerhin ein Drittel gibt an, es falle ihnen schwer, derartige Meldungen zu erkennen.

Deutschland steht damit sogar noch ganz gut da. In anderen europäischen Ländern ist die Verwirrung noch größer. In Frankreich etwa glauben mehr als 80 Prozent der Bürger, häufig mit Falschmeldungen konfrontiert zu sein. In Großbritannien liegt der Anteil bei 75 Prozent, wie aus der letzten Eurobarometer-Umfrage hervorgeht.

Ziemlich schwerwiegende Befunde. Wenn das Gefühl für Wahrheit abhandenkommt, werden Gesellschaften handlungsunfähig. Zwei aktuelle Entwicklungen haben offenkundig etwas mit dem Verlust der gemeinsamen Faktenbasis zu tun: die schreckliche Hängepartie um den Brexit – und die gewalttätigen Proteste der Gelbwesten in Frankreich.

Es ist dabei nicht mal so wichtig, ob Meldungen tatsächlich falsch sind – oder ob die Bürger lediglich den Verdacht hegen, Unwahrheiten vorgesetzt zu bekommen. Vieles fällt in diese Kategorie: bösartige Fake News, in die Welt gesetzt von Propagandisten, Aktivisten oder Geheimdiensten und verbreitet über Soziale Netzwerke, genauso wie seriöse Presseberichte, deren Wahrheitsgehalt von den Nutzern zu Unrecht in Zweifel gezogen wird. In jedem Fall ist Verunsicherung die Folge – mit destruktiven Nebeneffekten.

Vertrauen ist gut, Wissen ist besser

Demokratien sind auf Wahrheit gegründet. Sie brauchen einen Konsens darüber, was ist – und eine Verständigung darüber, was sein sollte.

Diktaturen können mit Lügen, Un- und Halbwahrheiten womöglich lange Zeit existieren – bis irgendwann die Differenz zwischen Realität und Propaganda so unerträglich groß wird, dass das System explodiert.

Wo aber letztlich die Bürger als Wähler entscheiden, brauchen sie zumindest ein grundlegendes Verständnis für die wichtigsten Fakten. Dafür ist es nicht erforderlich, alles zu wissen. Es genügt, wenn Fachleute in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Medien das Vertrauen der Bürger genießen, das Relevante zu thematisieren und korrekt wiederzugeben. Wissensgesellschaften basieren auf Arbeitsteilung. Nicht jeder muss alles wissen. Aber er muss wissen, wem er vertrauen kann.

In einer Welt jedoch, in der es keine gemeinsame Faktenbasis mehr gibt, wird eine gesellschaftliche Verständigung über den Zustand der Gesellschaft, ihre wirklichen Probleme und mögliche Lösungsansätze schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Warum wenden die britischen Bürger das Desaster nicht ab?

Damit sind wir beim Brexit. Die ganze intellektuelle Armseligkeit der Brexiteers offenbarte Michael Gove, der Fachleuten per se die Glaubwürdigkeit absprach: "Die Menschen in diesem Land haben genug von Experten", verkündete er während der Kampagne im Jahr 2016.

Gemeint waren all jene warnenden Stimmen und Studien, die versuchten, die Folgen eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU zu fassen und zu quantifizieren. Positionen, die den Brexiteers mit ihren einfachen Slogans nicht passten. Deshalb sollten sie diskreditiert werden. Gove war damals einer der führenden Anti-EU-Aktivisten. Nun gilt er als einer der engsten Vertrauten von Premier Theresa May.

Vieles von dem, was die von Gove diffamierten Experten vorausgesagt haben, wird nun Realität. Falls May wider Erwarten ihren Deal mit der EU in der verbleibenden kurzen Frist nicht doch noch durchs Parlament bringt, könnte Großbritannien im April ohne Vertrag ausscheiden. Ein Desaster.

Das ganze Brexit-Drama in all seiner Absurdität wäre längst gestoppt, würden die britischen Bürger die Implikationen des EU-Ausstiegs zur Kenntnis nehmen. Der Brexit ist eine Sackgasse. So einfach ist das. Das ist längst offensichtlich und in Zahlen belegbar, für jeden, der sehen will. Die Ziele der Brexiteers sind nicht erreichbar. Weder wird Großbritannien echte Souveränität zurückerlangen noch die Zuwanderung begrenzen noch mehr Wohlstand schaffen. All diese Versprechen sind längst von Fakten widerlegt.

Dennoch zeigen Umfragen: Nach wie vor gibt es keine klare Mehrheit gegen den Brexit. Die britische Bevölkerung ist genauso gespalten wie beim Referendum vor drei Jahren, obwohl doch heute viel klarer ist, wie hoch die Kosten sind. Aber wer den Fakten nicht glaubt, für den zählen sie eben nicht. Und weil die Stimmung in der Bevölkerung ist wie sie ist, führen die Abgeordneten des Unterhauses Eiertanz um Eiertanz auf - um am Ende womöglich beim schlechtesten aller denkbaren Deals zu landen.

Gefühlte Fake News

Auch das Phänomen Gelbwesten in Frankreich resultiert aus einem grundlegenden Misstrauen. Es ist ein Aufstand von Teilen der Bevölkerung, die sich abgehängt fühlen und nichts als Zynismus für das herrschende System übrighaben. Präsident Emmanuel Macron hat sich wirklich Mühe gegeben mit seiner großen "nationalen Debatte", sich viel Zeit genommen, zugehört und argumentiert. Doch bei den Hardcore-Demonstranten verfängt das nicht. Sie wollen das System stürzen – weil es ihnen falsch und unglaubwürdig vorkommt.

Darin zeigt sich eine grundlegende Tendenz. In Ländern, die, wie Frankreich und Großbritannien, eine große Verbreitung von tatsächlichen oder gefühlten Fake News aufweisen, haben die Bürger tendenziell auch wenig Vertrauen in die Politik und in die staatlichen Behörden insgesamt.

So vertrauen im Durchschnitt gerade mal 31 Prozent der Franzosen und 32 Prozent der Briten den jeweiligen politischen Institutionen – deutlich weniger als die Bürger Deutschlands (54 Prozent) und anderer nordeuropäischen Länder. Ein ähnliches Gefälle zeigt sich beim Vertrauen in die Medien.

Ein Muster wird erkennbar: Wo die politischen und medialen Institutionen wenig Vertrauen genießen, herrscht auch Misstrauen gegenüber der Wahrheit. Woher rührt dieser Zusammenhang? Wer ist schuld?

Alle stehen unter Generalverdacht

Der Vorwurf steht im Raum, bewusst gestreute Fake News, etwa durch interessierte russische Kreise, würden den Verfall der westlichen Öffentlichkeiten befördern. Aber das genügt als Erklärung nicht. Der hohe Grad an Misstrauen und die großen Unterschiede zwischen den westeuropäischen Ländern legen nahe, dass andere Faktoren eine weitaus wichtigere Rolle spielen, insbesondere: die flächendeckende Grundversorgung mit traditionellen Qualitätsmedien, Bildung und Kultur sowie die Fähigkeit staatlicher Institutionen, auf Bürgerinteressen vor Ort einzugehen – all das kann dazu beitragen, die Bürger gegen die Wirrungen und Polarisierungen der Social-Media-Öffentlichkeiten ein Stückweit zu imprägnieren, auch wenn es keine Garantie darstellt.

Der Brexit und die Proteste der Gelbwesten lassen sich deshalb verstehen als Aufbegehren gegen London und Paris - und das heißt: gegen die Zentralinstitutionen und jene Eliten, die ihnen vorstehen. Bei einem nennenswerten Teil der Bevölkerung steht der politmediale Komplex unter Generalverdacht. Man glaubt weder den Sendern der Botschaften (der Politik) noch den Überbringern (den Medien).

Häme wäre fehl am Platz. Kein Land ist vor derartigen Entwicklungen mehr gefeit.

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