21.03.2019 
US-Notenbank vollzieht Kehrtwende

Wegen dieser Risiken reißt die Fed das Steuer herum

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Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, bezeichnet es als "Paukenschlag", für Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, ist es eine "Riesenüberraschung". Es gibt aber auch moderatere Stimmen. Nichts überraschendes beispielsweise meint Lee Ferridge, Leiter der Multi-Asset-Strategy beim Fondshaus State Street, erfahren zu haben.

Die Rede ist von den jüngsten Entscheidungen und Kommentaren der US-Notenbank Fed vom Mittwochabend. Und der Grad der Überraschung, mit dem diese aufgenommen wurden, hängt selbstverständlich stets davon ab, welche Erwartung es jeweils zuvor gegeben hat. Fest steht jedenfalls: Die Fed hat ziemlich deutlich gemacht, dass es im laufenden Jahr 2019 keine Zinserhöhungen mehr von ihrer Seite geben wird.

Damit ist eine Kehrtwende komplett, die sich bereits Ende des vergangenen Jahres angekündigt hatte, und die es in dieser Entschiedenheit und Geschwindigkeit bei der US-Notenbank nicht häufig zu beobachten gibt. Seit 2015 hat die Fed ihren Leitzins inzwischen neunmal angehoben. Hintergrund war die robuste Entwicklung der US-Wirtschaft mit starkem Wachstum und vielen neuen Jobs bei gleichzeitig vergleichsweise geringer Inflation.

Noch vor Monaten sah alles danach aus, als könne es mit dem Zinsanstieg in etwa gleichem Tempo weitergehen. Zwei Zinsschritte im Jahr 2019, das war bis vor Kurzem die Erwartung der Marktteilnehmer und Analysten. Doch dann kam der Herbst 2018, seit dem sich weltweit der Konjunkturhimmel eingetrübt hat, und der auch an den Finanzmärkten turbulente Zeiten einläutete.

Seitdem gab es in Reihen der Fed-Verantwortlichen offenbar einen grundlegenden Sinneswandel. Inzwischen, so sagte Fed-Chef Jerome Powell am Mittwoch, erfordere die Lage der Wirtschaft weder ein Anheben noch ein Absenken der Leitzinsen. Sprich: Der Status quo kann unverändert beibehalten werden. Es sei "eine großartige Zeit, um geduldig zu sein", so Powell.

Börse: Dax gibt nach Fed-Entscheidung weiter nach

Damit beschönigte der Fed-Chef ein wenig, was er eigentlich mitzuteilen hatte. Zum vollständigen Bild gehört nämlich auch, dass es recht konkrete Gründe gibt, die die Fed zum Umdenken bewogen haben, und dabei handelt es sich um einige Risiken, denen die US-Wirtschaft nach Ansicht von Powell und Co gegenwärtig ausgesetzt ist. Vor allem drei derartige Gefahren nannte der Fed-Chef bei seinen Bemerkungen am Mittwoch:

Handelskonflikte: Die Uneinigkeit beim Thema Freihandel und Zölle zwischen den USA und China sowie der Europäischen Union, die bereits 2018 zu den Turbulenzen am Aktienmarkt beigetragen hatte, wurde nach wie vor nicht aus der Welt geräumt. Damit hängt die Gefahr eines Handelskrieges noch immer wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. US-Präsident Donald Trump gibt zwar vor, sein konfrontatives Vorgehen auf der Weltbühne sei ganz im Sinne der heimischen Unternehmen. Die meisten Experten sind sich jedoch darüber einig, dass im Falle eines solchen Handelskrieges auch viele US-Firmen zu den Verlierern zählen würden - das sieht die Fed offenbar ähnlich.

Langsameres Wachstum in China und Europa: Fed-Chef Powell weiß genau, dass es ein Fehler wäre, die heimische Wirtschaft in der globalisierten Welt isoliert zu betrachten. Bei den Entscheidungen der Notenbank geht der Blick daher über die Grenzen der USA hinaus. In Fernost müssen die Notenbanker dabei mit Sorge erkennen, dass die Wachstumsraten zuletzt merklich nachgelassen haben, was selbstverständlich zum Teil auch mit Punkt eins, den Handelskonflikten, zusammenhängt. Auch in Europa läuft die Konjunktur bislang keineswegs rund, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass die Europäische Notenbank (EZB) noch längst nicht zu jenem Zinsanhebungs-Zyklus übergegangen ist, den die Fed nun bereits wieder unter- oder womöglich abbricht.

Brexit-Risiken: Auch den Austritt der Briten aus der Europäischen Union haben die Notenbanker offenbar auf dem Schirm. Dass dies zu wirtschaftlichen Turbulenzen in Großbritannien sowie in ganz Europa führen dürfte, scheint klar, insbesondere, wenn es, wie momentan zu befürchten, zu keinem vernünftigen Austrittsvertrag kommen sollte. Nach Ansicht der Fed drohen die Auswirkungen eines solchen Brexits sogar bis in die USA zu wirken - negativ, versteht sich.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Der Vorteil für die Verantwortlichen in der Fed ist indes, dass die Preissteigerungen in den USA nach wie vor moderat ausfallen. Von Seiten der Inflation gibt es also kaum Druck, die Zinsen zügig zu erhöhen.

Freuen können sich darüber auch die Akteure an den internationalen Finanzmärkten. Börsianern etwa gefallen niedrige Zinsen in der Regel besser als hohe. Dass die Aktienmärkte dennoch nicht mit größeren Gewinnen auf die Fed-Entscheidung vom Mittwoch reagierten, dürfte eine einfache Erklärung haben: Sie kam für die meisten im Kern tatsächlich nicht überraschend.

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