17.09.2018 
Salzburger Festspiele

Das Disneyland der Milliardäre

Von
Getty Images/Picture Press RM

2. Teil: Ein gesellschaftliches Parkett

Kultur lockt Kapital: Das Konzept, das Max Reinhardt im Sinn hatte, als er 1918 zusammen mit dem Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und dem Komponisten Richard Strauss die Festspiele gründete, ist aufgegangen. Reinhardt wollte der Hautevolee das ganz große gesellschaftliche Parkett zimmern. Der weltläufige Schauspieler, Regisseur und Dramaturg hatte in Berlin bereits ein Theaterimperium aufgebaut, das sein Bruder managte. Darunter der Friedrichstadt-Palast, der gerade wieder eine Renaissance erlebt.

Nach Reinhardt war es der Jahrhundertdirigent Herbert von Karajan, der die Festspiele fast 40 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1989, bespielte. Autokratisch im Führungsstil, einzigartig in seiner Musik. Dass am Ende alles etwas erstarrt war, wagte zu Karajans Lebzeiten natürlich niemand zu sagen.

Zum Get-together des Geldadels hat Salzburg dann erst eine Frau gemacht: Helga Rabl-Stadler, "die Präsi" der Festspiele. Sie trat in den 90ern fast zeitgleich mit dem Intendanten und Erneuerer Gerard Mortier an. Der ist, wie seine fünf Nachfolger, längst weg, sie ist immer noch da.

Rabl-Stadler, eine schmale, sehr agile Juristin, früher einmal Journalistin und Politikerin, hat sich den Festspielen verschrieben. Heute laufen bei ihr alle Fäden zusammen, kaum einer ist derart gut verdrahtet in der internationalen Kultur-, Musik- und Gesellschaftsszene.

"Die Salzburger Festspiele", sagt sie, "waren von heute aus betrachtet ein visionäres Start-up." Und genauso managt sie das Projekt immer noch: stets auf der Suche nach neuem Wagniskapital und dem nächsten Geschäftsfeld. Das Investment, das sie verkauft, heißt Aufmerksamkeit.

Rabl-Stadler hat ein gigantisches Sponsoren- und Förderernetzwerk geknüpft. Von den 61 Millionen Euro, die die Aufführungen verschlingen, werden gerade mal 16 Millionen durch öffentliche Gelder gedeckt. 30 Millionen spielt der Kartenverkauf ein, der Rest stammt von Sponsoren, Mäzenen und den Freundeskreisen, die sich in aller Welt gegründet haben.

Die spendabelsten Unternehmen kommen bisher überwiegend aus Deutschland und der Schweiz: Siemens, Audi, Nestlé, Rolex. Das Sponsorendinner in der "Residenz" nach der Premiere gilt als die begehrteste Party der Stadt. Dort trifft man die Netrebko, den italienischen Dirigenten Riccardo Muti, die iranische Künstlerin Shirin Neshat, wer halt in dem Jahr so da ist. Opulent dekoriert wird das Ganze vom Kristallkonzern Swarovski, für Führungsfrau Nadja ist das quasi "nationale Pflicht".

Schon Reinhardt nutzte den Netzwerkeffekt. Um seine Gäste zu beeindrucken, vor allem die aus Amerika, kaufte er Schloss Leopoldskron. Heute ist das Rokokoschloss Sitz des exklusiven CEO-und-Macht-Netzwerks Salzburg Global Seminar, nach dem Zweiten Weltkrieg aus Harvard heraus gegründet, als eine Art intellektueller Marshallplan. Dem erlesenen Zirkel gehören hierzulande Mark Wössner (Ex-CEO Bertelsmann), Jochen Sanio (Ex-Chef BaFin), Peter Eigen (Transparency International) an und bis zu seinem Tod Altkanzler Helmut Schmidt.

Dass Geldadel verpflichtet, hat zuletzt erst wieder Wolfgang Porsche demonstriert. Als die Finanzierung des "Jedermann" wackelte, sprang er ein - verlor aber selbstredend kein Wort darüber. Der Einlass zum alljährlichen Fest in seinem Haus in Aigen, dem feinsten Stadtteil, ist hochbegehrt. Ein liebevoller Gastgeber, Wegzehrung vom Münchener Gastronom Michael Käfer und die valentinsche Dialektik, es kommen alle, weil alle kommen, spielen Hand in Hand.

Milliardäre als Herbergsväter

Neben Porsche ist auch Maria-Elisabeth Schaeffler eine feste Instanz in Salzburg. Standesgemäß hat auch sie sich ein Haus angeschafft und herrschaftlich herrichten lassen, zu den Festspielen wohnt die Mozartverehrerin aber lieber im "Sacher". Hündchen Amadeus findet es da auch schöner.

Wie unter den Sponsoren sind auch unter den Mäzenen viele Deutsche, allen voran Reinhold Würth. Er hat der Stadt den "Walk of Modern Art" finanziert, mit großartigen Werken von Künstlern wie Stephan Balkenhol, Anselm Kiefer, Mario Merz, James Turrell und Erwin Wurm. Würth, der sich ursprünglich aus steuerlichen Gründen in Salzburg einkaufte und die österreichische Staatsbürgerschaft annahm, hat sich zwei formidable Anwesen gesichert, darunter die Villa Preuschen. In diesem Jahr ermöglicht Würth mit seinem Obolus die Aufführung der Lukaspassion, dirigiert von Kent Nagano.

Selbst die Hoteliers sind Frem-de. Auf dem weithin sichtbaren Mönchsberg thront der Limounternehmer Hans-Peter Wild, Heidelberger und Wahlschweizer. Ihm gehören gleich zwei der mystisch aufgeladenen Festspielpilgerstätten, "Schloss Mönchstein" und der "Goldene Hirsch".

Während die "Blaue Gans" nebenan nach wie vor in österreichischem Familienbesitz ist, hat sich der öffentlichkeitsscheue Italiener Rinaldo Invernizzi (Inhaber der Barovier&Toso-Gruppe) die "Goldene Ente" gegriffen und in "Hotel Goldgasse" umbenannt, nach der Gasse (Nr. 10), in der es steht.

Die Herbergen "Amadeus" und "Stein" gehören ihm ebenfalls, letztere wurde komplett neu herausgeputzt, von der Decke hängen jetzt venezianische Kronleuchter. Oben auf der Dachterrasse offenbart sich ein magischer Blick auf die Festspielstätten, nach dem musikalischen Pflichtprogramm fließt hier der Champagner.

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