12.06.2017 
Hype um Frankfurts Aufstieg

Der neue Mainstream

Von Tim Bartz
DPA

2. Teil: Jüdisches Netzwerk

Nicht mehr Großbanker in angestaubten Herrenklubs geben den Ton an. Die Dauerkrise hat die Geldgötter müde gemacht und der Stadt die Emanzipierung von der Finanzbranche erleichtert. Für Tempo sorgen wagemutige Unternehmer oftmals jüdischen Ursprungs, die die Stadt mit coolen Bars, Hotels und Restaurants überziehen. Alles verdichtet auf wenigen Quadratkilometern, was Frankfurt mit 730.000 Einwohnern zur kleinsten Businessgroßstadt Europas macht. Wer auf sich hält, wohnt nicht mehr barock-piefig im Taunus, sondern in der City. Bembeltown war gestern.

Der Imagewandel, vor allem im Ausland, ist frappierend. Und er korrespondiert mit dem Bedeutungsverlust klassischer It-Citys (und ihren Disagios): London (Brexit), Paris (Hollande), Mailand (Italien).

Der "Economist" stuft Frankfurt auf Rang sechs der lebenswertesten Großstädte in Europa ein, weit vor London; die Berater von Mercer voteten Frankfurt auf Platz sieben der Städte mit der besten Lebensqualität weltweit. Vom "Guardian" bis zur "New York Times" widmeten angelsächsische Qualitätsmedien Stadt und Bahnhofsviertel Elogen. Frankfurt, das mit rund 30 Prozent auf den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Städte kommt, gilt als aussichtsreichster Brexit-Profiteur. Dass das Echo im Inland schwächer ausfällt, halten sie am Main für verkraftbar. Für eine objektive Würdigung des lange belächelten Rivalen ist die Selbstverliebtheit in Berlin, Hamburg und München zu stark ausgeprägt.

Findet auch Albert Speer (82). "Die Diskrepanz zwischen nationaler und internationaler Wahrnehmung ist groß", sagt der global gefeierte Stadtplaner und Vordenker des neuen Frankfurt. In den 70ern entwickelte er den ersten Hochhausrahmenplan, der den brutalen Abriss der Gründerzeitvillen im Westend stoppte und der Innenstadt Form und Funktion gab.

Südlich der City, in einem unscheinbaren Sachsenhausener Bürokomplex, liegt Speers Planungsbüro AS+P; von hier aus jettet er um die Welt und schiebt Projekte an: Megacitys in China, Fußballstadien in Katar, Olympische Spiele überall. Gerade ist er aus Riad zurück, wo er für die Saudis prächtige Regierungsbauten entwirft.

"In Asien gilt Frankfurt wegen seiner polyzentrischen Struktur als Stadt der Zukunft", sagt Speer. "Keine Banlieue, die City saugt nicht alles ab. So können sich auch andere Stadtteile entwickeln. Das Ostend etwa." Dessen Reanimierung nimmt so richtig Fahrt auf, seit die Europäische Zentralbank 2015 hierhergezogen ist. Rund um die markant-schiefen EZB-Doppeltürme explodieren die Immobilienpreise. Der neue Hafenpark am Main sorgt bei gutem Wetter für mediterrane Atmosphäre in dem ehemaligen Arbeiterviertel, das so gehypt wird wie kein anderes.

Kulturelles Epizentrum ist der Kunstverein "Familie Montez", der 2014 in die denkmalgeschützten Rundbögen der Honsellbrücke eingezogen ist. Zuvor war "Montez"-Gründer Mirek Macke (57) - Städel-Schüler, Rauschebartträger, Organisator legendärer Partys, Star der Frankfurter Offszene - jahrelang mit Ausstellungen heimatlos durch die Republik geirrt. Sein Vermieter in der City wollte ihn nicht mehr.

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