18.05.2018 
Digitale Plattformen

Street-Fighter

Von
Airbnb

2. Teil: Das Netzwerk muss auf der Straße verteidigt werden

Die Ursachen dieser Entwicklung lassen sich beispielsweise am Landwehrkanal in Berlin beobachten. Im obersten Stock eines unauffälligen Gebäudes mit Blick auf die Bürotürme am Potsdamer Platz empfängt Jitse Groen (39), CEO und Gründer von Takeaway. Zu der Gruppe gehört auch Lieferando, die beliebteste Pizzabestellplattform der Republik.

Das Geschäft hat den Holländer mit dem kantigen Gesicht reich gemacht. Mit 50 Euro startete Groen vor 18 Jahren einen Pizzalieferservice in Amsterdam. Seine 37 Prozent an der Firma sind heute rund 800 Millionen Euro wert.

Pizzadienste waren nie so hip wie Airbnb oder Uber. Doch das Business funktioniert ähnlich: Groen vernetzt Restaurants mit hungrigen Kunden. Er schickt die Bestellungen an die Pizzabäcker und kassiert dafür eine Provision. Das Lokal kümmert sich um die Auslieferung.

Das Tolle dabei: Ob Lieferando 10 oder 100 Bestellungen an ein Restaurant weiterleitet, macht für Groen keinen Unterschied. Die üppige Provision (rund 12 Prozent) kassiert er trotzdem bei jeder Bestellung. Rabatte gibt's nicht.

Kaum war Lieferando zum Marktführer avanciert, konnte der Gründer die Marketingausgaben drosseln. Die Profitabilität (Ebitda-Marge) hat das in astronomische Höhen katapultiert. In Holland liegt sie bei 58 Prozent. "Ein wirklich sehr gutes Geschäftsmodell", sagt Groen nüchtern.

Und dennoch hat er vor wenigen Monaten begonnen, es umzukrempeln. Wie alle anderen Konkurrenten auch. Denn ein neuer Typ von Lieferdienst drängt in den lukrativen Markt, die satten Renditen machen Appetit.

Foodora, Deliveroo und Uber Eats heißen die Rivalen, die mit eigenen Lieferflotten das Essen auch aus Restaurants bringen, die nicht selbst ausliefern. Es ist ein "sehr schlechtes Geschäftsmodell", schimpft Groen, "unmöglich profitabel zu betreiben". Aber wenn er seine Kunden nicht verlieren will, muss er sein Netzwerk mit einer eigenen Lieferflotte auf der Straße verteidigen. In Deutschland sucht er gerade per Plakatwerbung 1000 Fahrer.

Der digitale Marktplatz wird zum Logistiker. Das kostet Nerven - und Marge. Groen muss nun Räume anmieten, in denen die E-Bikes der Lieferanten gelagert werden. Er muss ständig neue Fahrer anwerben ("enorm kostspielig") und vorhersagen, wie viele er wann benötigt. Plant er zu viele ein, weil es um 18 Uhr doch nicht regnet, zahlt er für die Wartezeiten der Fahrer. So wie auch vor einigen Monaten, als die E-Bike-Akkus bei klirrender Kälte schlapp machten.

Nicht ausgeschlossen, dass Groen demnächst noch die Fritteusen der Burgerläden kaufen muss, aus denen er liefert. "Absurd" sei das, klagt er. Doch Rivale Deliveroo hat damit schon begonnen.

In London stehen unter einer Bahntrasse am Rand des Bankenviertels Canary Wharf reihenweise schwarze Schiffscontainer, in denen Deliveroo Küchen installiert hat. Vor allem zur Mittagszeit strömen die Fahrer des Lieferdienstes zu den fensterlosen Blechboxen, um Essen für die nahe gelegenen Bürotürme zu holen.

Mit den Containerküchen will Deliveroo Lücken im Restaurantangebot stopfen und seinen Umsatz ankurbeln. Sie sollen es angesagten Burgerläden oder Sushibars aus anderen Stadtteilen ermöglichen, Filialen zu eröffnen, ohne selbst viel investieren zu müssen. Im Herbst will Deliveroo solche White-Label-Kochstellen auch in Berlin und anderen deutschen Städten installieren, nach geeigneten Immobilien wird bereits gesucht.

"De facto eröffnen sie damit Restaurants", sagt Groen. Wie das mit der aufgeblasenen Bewertung der Lieferdienste zusammenpasse, sei ihm ein Rätsel.

Groen will auf keinen Fall Gastronom werden. Ausschließen kann er aber nichts mehr. "Wer weiß schon, was ist, wenn wir hier in einigen Jahren wieder reden."

Uber jedenfalls zog bereits nach. Dessen Essensbestelldienst hat nicht nur Küchen eröffnet, im Januar hat Uber Eats in New York sogar ein Gastrounternehmen übernommen, das auf die Essenszubereitung für Lieferdienste spezialisiert ist.

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