06.09.2018 
Warum Manipulation besser ist als ihr Ruf

Manipulier mich!

Von Rebekka Reinhard

4. Teil: Auch die geschickteste Manipulation kann ins Leere laufen

Aus ihnen sprechen der Pragmatismus und Realismus eines Philosophen, der die Widersprüche des Menschlichen vollumfänglich akzeptiert hat. Nichts auf dieser Welt lässt sich exakt vorausberechnen. Auch die geschickteste Manipulation kann ins Leere laufen. Manipulation ist kein einfacher Reiz, auf den eine einfache Reaktion folgt. Sie ist "eine Art Kommunikationssituation" (Alexander Fischer), die unterschiedliche Antworten zulässt, weil viele Faktoren in sie hineinspielen. ob ich mich manipulieren lasse oder nicht, hängt davon ab, an welchem Ort ich mich befinde, wie viel Zeit ich habe, wer mir gegenübersteht, in welcher Stimmung ich mich befinde, welche Wahrheit ich gelten lasse, wie groß meine Lust an der (Selbst-)Täuschung ist.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

Heft bestellen

www.hoheluft-magazin.de

Neben Machiavelli und Friedrich Nietzsche (1844- 1900) hat dies wohl die frühe Werbeindustrie am besten verstanden - und zwar lange bevor Hirnforscher mit Kernspintomografen die bei Werbebotschaften maßgeblichen kognitiven Aktivitäten aufzuspüren versuchten, um die Vorlieben der Konsumenten im Sinne eines zweifelhaften "Neuromarketings " zu beeinflussen. Im Amerika der 1920er- und 30er-Jahre stilisierten Werber Cremes, Automobile und Radios zu Autoritäten, die die sozialen Nöte und Ängste der Menschen zu lindern versprachen. Jene "advertising men" sahen in ihren manipulativen Slogans und Posterdesigns eine therapeutische Mission - die viele inspirierte und anspornte, den amerikanischen Traum von (Konsum-)Freiheit und sozialem Aufstieg zu realisieren.

Es reicht mir nicht, Manipulation bloß ethisch zu verurteilen - ich kann nicht anders, ich muss sie auch ästhetisch schätzen. Als Kunst ("techné"). Als theatralisches Spiel mit Schein und Sein. Als Zauber, auf den der Mensch, der anderen wie sich selbst nie vollkommen durchsichtig ist, nicht verzichten kann. Ein Zauber, der es vermag, uns in den Abgrund zu ziehen, uns persönlich oder politisch zu vernichten - und den wir uns selbst zunutze machen können, um andere zu lenken, zu verstören, zu entmachten.

Ein Zauber aber auch, der uns zu einer neuen Sicht auf uns und die Welt verführen und Räume erschließen kann, die dem entzauberten, rein rationalen Zugang zu Wirklichkeit und Wahrheit verschlossen bleiben. So wie bei jenem Abendessen im kleinen Kreis, als mein Ring sich plötzlich selbstständig machte.

4 | 4

Mehr zum Thema