06.09.2018 
Warum Manipulation besser ist als ihr Ruf

Manipulier mich!

Von Rebekka Reinhard

3. Teil: Ich bin nie so "gut", wie ich mich glauben machen will

Ethisch interessant wird Nudging besonders dann, wenn es unter dem Label "libertärer Paternalismus" auftritt. Als solcher fungiert die Technik als eine Art wohlwollende Bevormundung, die dem Konsumenten/User/Bürger ein nach dessen subjektiver Definition glücklicheres, gesünderes Leben ermöglichen soll. Manipulatorisch kann man libertär-paternalistisches Nudging deshalb nennen, weil es sich frech bestimmte kognitive Verzerrungen und Affekte zunutze macht, auf denen unsere spontan-"automatischen" Entscheidungen beruhen.

Wenn Thaler und Sunstein mich austricksen wollen, halten sie mich von vornherein für unvernünftig. Sie wollen mich, einen fundamental irrational tickenden Menschen, zur Rationalität erziehen. Doch meine Irrationalität kann nicht verhindern, dass ich sie verdächtige, mit ihrer Methode dem Traum von einer "Verhaltenstechnologie" behavioristischer bzw. chinesischer Ausprägung gefährlich nahe zu kommen.

Für mich ist Nudging zudem ein konsequenzialistischer Ansatz, der Absichten mit Folgen legitimiert. Sein ethischer Schwachpunkt liegt in seiner Abstraktheit; darin, dass der angestrebte größere Glückszustand möglichst vieler Individuen, selbst wenn dieser objektiviert und quantifiziert werden könnte, inhaltlich kaum zu bestimmen wäre.

Ich falle auf Manipulation herein, weil sie meine Bestrebungen auf ursprünglich nicht von mir beabsichtigte Ziele umlenkt, ohne dass ich es merke. Ich lasse mich aber auch von ihr (ver)führen, weil sie bestimmte Sinnesreize, Atmosphären, Wohlgefühle in mir erzeugt, auf die ich nicht verzichten möchte. Zugegebenermaßen manipuliere ich auch selbst, willentlich und unwillentlich, mit Argumenten, Launen und Emotionen.

Wenn ich meine Mitmenschen durch mein perfektionistisches Gebaren unter Druck setze oder sie so dazu bringe, mich als Autorität zu respektieren, ist dies sicher keine moralische Meisterleistung. Aber bin ich deshalb "schlecht"? Ich bin jedenfalls nie so "gut", wie ich mich in selbstmanipulatorischer Absicht glauben machen will. Wie die Manipulation, die ich erfahre oder selbst produziere, so hat auch mein Ich viele, mir teils verborgene Seiten: ethische, unethische, rationale, irrationale, suggestible, suggestive, spielerische, ernste. welchen moralischen Status man der Manipulation zuschreibt, hängt ganz von dem zugrunde liegenden Menschenbild ab. Dies erkannte, lange bevor psychologische Begriffe wie "Unbewusstes" und "kognitive Verzerrung" Karriere machten, der florentinische Diplomat, Philosoph und Manipulator Niccolò Machiavelli (1469-1527). "Ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muss zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind", heißt es in seinem Werk "Der Fürst"; einer Art ideologischen Gebrauchsanweisung für machtbewusste Herrscher, mit der der Autor der Medici-Dynastie schmeicheln wollte.

Machiavelli ist, anders als ihm bis heute unterstellt wird, kein Amoralist. Er hat nichts gegen Moral. Für ihn stellen Macht und Moral keine Gegensätze dar, sie dienen einander - geeint durch das Band der Manipulation - vielmehr wechselseitig. Macchiavelli löst die Tüchtigkeit ("virtú") von der traditionellen Ethik der Kardinal- und Fürstentugenden und definiert sie - ironisch - neu als Ansammlung höchst flexibler Charaktereigenschaften, die je nach Situation moralisch oder lasterhaft anmuten: "Deshalb muss (der Fürst) verstehen sich zu drehen und zu wenden, nach dem Winde und den Wechselfällen der Fortuna." Wenn Machiavelli Herrschern zur Grausamkeit statt zur Milde rät, um den Volksfrieden zu sichern, folgt er wie Thaler und Sunstein dem Motto: "Der Zweck heiligt die Mittel ". Aber anders als der technizistische Nudging-Konsequenzialismus sprühen seine Taktiken vor Witz und Kontingenzbewusstein.

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