06.09.2018 
Warum Manipulation besser ist als ihr Ruf

Manipulier mich!

Von Rebekka Reinhard

2. Teil: Manipulation, Macht und Ideologie hängen eng zusammen

Mit dem Nationalsozialismus wird die Manipulation in Form von Massenpropaganda und Führerkult endgültig als unlauteres Werkzeug zur Herrschaftssicherung diskreditiert. Eines, das nach den Psychoanalytikern Alexander und Margarete Mitscherlich den "deutschen Irrationalitätsbedürfnissen" entspricht; einer "realitätsabgeneigten Phantasie", die von regressiven "Triebbedürfnissen" entfacht worden sei. Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973) ihrerseits sehen im manipulatorischen Element der "instrumentellen Vernunft" den Urgrund der totalitären Ideologie und eine Erklärung für die "rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen", wie es in der "Dialektik der Aufklärung" (1944) heißt.

Jahrzehnte nach dem Ende des Hitler-Regimes ist die manipulativ gewordene Vernunft aktiv. Ein Hightech-Upgrade Orwell'schen Ausmaßes erfährt sie in den jüngsten Plänen der chinesischen Regierung, das Verhalten ihrer Bürger mittels künstlicher Intelligenz zu überwachen und zu sanktionieren; angeblich um die "menschliche Qualität" ("suzhi") des Volkes zu verbessern.

Politiker weltweit, die "alternative Fakten" abseits der Realität zitieren, um ihre ideologische Vormachtstellung zu sichern, machen sich gleichfalls der Manipulation schuldig. Manipulation, Macht und Ideologie hängen eng zusammen. Ideologisch agiert, wer sich anstelle mythischer oder religiöser Fundamente vermeintlich rationaler Argumente bemüht, um seine (Vor-)Machtstellung zu legitimieren.

Was nicht heißt, dass ein Ehestreit, der sich an einer grotesk verbrannten Toastscheibe entfacht, ideologisch sein muss. Solange es hier nicht um geschlechtsspezifische Machtverhältnisse geht (etwa um die untergeordnete Rolle der Frau, die den Mann mit optimal gebräunten Toasts zu versorgen hat), bleibt es bei einer bloßen Auseinandersetzung - bei der der Manipulation jedoch durchaus eine machtvolle Bedeutung zukommen kann. Zum Beispiel wenn "sie" plötzlich haltlos zu weinen beginnt und "ihn" so dazu bringt, unterschwellige Schuldzuweisungen zu unterlassen.

Manipulation ist nicht Ideologie, und Ideologie ist nicht Macht. Manipulation kann ein Mittel sein, um die Autorität der Mächtigen zu stärken und die Machtinteressen der Ideologen zu stabilisieren.

Wer mich manipuliert, verführt gleichsam meinen Willen dazu, etwas zu tun oder nicht zu tun, was er "eigentlich" nicht will. Zum Beispiel: zu vertrauen. Wie ein Neurowissenschaftler und ein Verhaltensökonom der Universität Zürich 2005 experimentell bewiesen, muss ich mir nur das sogenannte Bindungshormon Oxytocin in die Nase sprühen, um mein (grundsätzlich nicht sehr ausgeprägtes) Vertrauen in meine Mitmenschen zu steigern.

Was aber, wenn dies zu meinem Besten geschieht? Was soll ich von manipulatorischen Techniken halten, die moralischen Zwecken dienen? Wenn ich einen Drucker benutze, der gemäß Voreinstellung doppelseitig druckt, werde ich dazu gebracht, den Regenwald zu schonen. Wenn ich im Coffeeshop spontan zum Obstsalat greife, weil ich mich, um einen Schokomuffin aus dem Kühlregal zu angeln, erst umständlich verrenken müsste, lasse ich mich überlisten, meinen Vitaminhaushalt auf Vordermann zu bringen. Die positive Wirkung solcher "Nudges" ("Stupser") im Bereich ökonomischer oder staatlicher Verhaltenslenkung ist vielfach erprobt. Wenn man seinen Erfindern, dem Wirtschaftswissenschaftler Richard H. Thaler und dem Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein, glaubt, zwingt uns Nudging zu nichts - es beeinflusst nur ganz sanft die sogenannte "Entscheidungsarchitektur ", das heißt, die Art und Weise, wie uns bestimmte Optionen präsentiert werden.

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