15.01.2019 
Luxusuhren-Messe SIHH

Die besten Uhr-Aufführungen

Von Michèlle Mussler
Jaeger-LeCoultre

2. Teil: Neue Talking Pieces von Traditionsfirmen

Für hitzigen Gesprächsstoff sorgt Audemars Piguet. Die unabhängige Manufaktur gilt bei Branchenkennern als Mono-Watch Brand, da sie primär für ihre oktogonale Royal Oak Linie bekannt ist. Um sich langfristig zu behaupten, muss sie sich aus diesem monothematischen Dasein befreien. Die Familienfirma packt das jetzt mit der komplett neuen Kollektion Code 11.59 an, bestehend aus sechs Basismodellen mit drei Kaliber-Premieren. Über drei Jahre Entwicklung stecken dahinter, ein enormer Kraftakt. Das Design jedoch wird in der Community heftig diskutiert. Zu brav, zu viel Mainstream, sagen die höflichsten Kritiker. Kurzum, die neue Linie eckt an, obwohl sie rund ist.

Dass Uhrmachermeister ihr Handwerk weiterhin perfektionieren, beweisen gleich mehrere Highend-Komplikationen: Vacheron Constantin trumpft mit einer Weltpremiere namens Twin Beat auf - eine Uhr mit einer Art Gangschaltung, um niedrig- oder hochtourig zu fahren und so die Gangreserve von vier auf verblüffende 65 Tage zu steigern. Hermès tritt mit einem Doppelmond am Uhren-Firmament auf.

Und der Irrsinn in Perfektion heißt bei Greubel Forsey 'Art Piece': zwei Tourbillons in einer Uhr, deren Konstruktion aus 130 Einzelteilen besteht, die gesamt nur 1,12 Gramm wiegen - ergo etwa so viel wie zwei Waldameisen. Jaeger-LeCoultre toppt die Show mit einer Brexit Watch: eine Westminster Minutenrepetition spielt den berühmten Glockenschlag des Big Ben. Nebenbei arbeiten in der Vorzeige-Komplikation ein Tourbillon und ein ewiger Kalender, was sich fast nur Londoner Banker leisten können - etwa 950.000 Euro.

Globale Preispolitik

Laut Prognosen wird das Britische Pfund fallen, weshalb sich einige Schnäppchenjäger schon in Stellung bringen - sie erhoffen durch Kursschwankungen die Preziosen günstiger zu ergattern. Doch weit gefehlt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, "wir haben das längst eingepreist und Fallback-Lösungen geplant". Preissensible Uhrenfans brauchen nicht auf Währungs-Kapriolen hoffen. Bei Montblanc und Baume & Mercier sind Einsteigermodelle ab 2700 Euro zu haben. Auch Ulysse Nardin ist auch auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Das Ausnahmeobjekt Freak X ist trotz neuem Kaliber für rund 30.000 Euro in Rotgold zu haben. Vergleichbare Vorgänger kosteten vor vier Jahren noch etwa 95.000 Euro.

Video: So klingt Bulgaris 720.000-Euro-Uhr

Genaues Hinschauen und Vergleichen lohnt sich. Vor allem bei Chronographen, sie zählen zu den Lieblingsmodellen bei Herren und bieten sich eine wahre Preisschlacht: Montblanc verlangt für seinen neuen TimeWalker Manufacture Chronograph mit eigenem Inhouse-Kaliber in Edelstahl 4990 Euro. Bei IWC kostet die Pilot's Watch Chronograph Spitfire mit Bronzegehäuse und Manufakturwerk 6700 Euro. Hingegen ruft Audemars Piguet für seinen Code 11.59 Chronograph etwa 42.000 Euro auf - allerdings mit Goldgehäuse.

Auch der Hightech-Tick geht weiter. Mattes Carbonium, schwarzes Ceratanium, vibrierendes Karbon-Glas, Titan mit DLC-Schicht oder TPT-Karbon - oft kapieren nur noch Materialkundler, worum es geht und viele Kunden sind überfordert. Letztendlich zielt die Botschaft auf Wow-Effekte ab. Alles wird besser, stylischer, robuster und hipper. Dank innovativer Materialien entsteht eine neue Ästhetik. Doch nicht alle Insider sind bedingungslos überzeugt. Einige sehen bei Gehäusen aus Hightech-Materialien eine Effekthascherei. Statt klassische Edelmetalle, deren Wert der Kunde taxieren kann, kosten die Hightech-Ticker oft mehr als vergleichbare Modelle aus Gold.

Ab 2020 werden die beiden Messen SIHH und Baselworld zusammenrücken und finden nacheinander im April und Mai statt. Der große Vorteil liegt darin, dass Händler, Journalisten und Fans nur noch einmal in die Schweiz reisen müssen. Der vornehme Uhrensalon in Genf tritt somit ein letztes Mal im Januar von der Bühne.

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