08.03.2019 
Wie man vom Segelboot aus eine Firma leitet

Büro an Bord

Von Jan Zier, "Yacht"
Getty Images

Telearbeit wird immer populärer, nun soll sie sogar im Gesetz verankert werden - kein Wunder, dass immer mehr Segler ihren Arbeitsplatz auf die Yacht verholen. Aber für wen eignet sich dieses Modell überhaupt? Wo liegen seine Chancen, wo die Risiken?

Christoph Meyer ist 31, als er 2002 auf der Ostsee das erste Mal segeln geht. Seitdem lässt es ihn nicht los, und mehr noch: Heute lebt und arbeitet er auf dem Wasser, seit vier Jahren schon. Rund 14.000 Seemeilen liegen mittlerweile in seinem Kielwasser, in den letzten Jahren besegelte er mit seiner Vindö 40 den Nordatlantik bis hinunter zu den Kanaren, dann ging es durch den Ärmelkanal in die Nordsee zurück und weiter bis hinauf zu den Shetland-Inseln und nach Norwegen. Dann zog es ihn wieder in den Süden.

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Dieser Text erschien zuerst in:

Yacht 6/2019

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Während in Norddeutschland eine winterliche Sturmflut tobt und Süddeutschland im Schnee versinkt, liegt er in Viveiro an der spanischen Nordküste. Er ist auf dem Weg nach Portugal, wo er "ein paar Wochen an der Algarve leben" will, wie er erzählt, und vielleicht noch mal Surfen lernen. Nachts ist es auch hier in Galizien kalt, aber in den Nachmittagsstunden kommen bereits hin und wieder Sommergefühle auf. "Die Kulisse kann einem schon den Atem rauben", sagt er. Ein Mann lebt seinen Traum.

Aber das verlangt auch Disziplin. Die Arbeit rücke manchmal leicht in den Hintergrund, räumt Meyer ein: "Das ist die größte Gefahr." 2015 löst er seinen Haushalt auf und auch sein Büro in Braunschweig. "Es hat gut getan, mich auf das zu konzentrieren, was mir wirklich wichtig im Leben ist", erzählt er: "Ich war damals ungemein befreit." Nur eben mal am Wochenende schnell zum Segeln an die Ostsee zu fahren, das war ihm zu wenig. Und für seinen Job braucht er kaum mehr als einen Laptop. Christoph Meyer arbeitet seit 15 Jahren selbstständig, meist allein - er konzeptioniert Homepages, entwickelt webbasierte Anwendungen, gestaltet Broschüren, Kataloge und Markenauftritte.

Sein Sitzmöbel ist heute eine Salonbank von 1972, mit einem dünnen Kissen belegt. "Nein, bequem ist das nicht", sagt Meyer und lacht, mit Ergonomie am Arbeitsplatz habe das natürlich nur wenig zu tun. "Aber wer auf einer Kartoffelkiste sitzt, ist schneller mit der Arbeit fertig." Effizienter sei er in der Tat geworden - 30 Stunden sei er im Schnitt pro Woche tätig, früher waren es 60. Und billiger ist das Leben an Bord auch: Seine monatlichen Gesamtkosten beziffert er heute auf 944 Euro. Zum Vergleich: In Braunschweig kosteten Wohnung und Büro ihn knapp 3000 Euro im Monat; Geld, das konstant verdient werden muss: "Das sorgt auch für Stress." Heute lebt er bescheidener - und hat doch weniger existenzielle Sorgen.

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Wie viele Menschen ihr Büro an Bord eines Segelschiffs haben? Bislang gibt es dazu keinerlei Zahlen. Aber es gibt einen eindeutigen Trend. Als "Yacht"-Autor Marc Bielefeld 2012 auf sein Boot umsiedelte - seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er in dem Buch "Wer Meer hat, braucht weniger" festgehalten -, war er noch ein Exot. Heute ist die sogenannte Telearbeit gang und gäbe.

Zwar arbeiten in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt bislang nur zwölf Prozent der Beschäftigten zumindest gelegentlich von zu Hause aus, doch 40 Prozent von ihnen wünschen sich gemäß einer Studie des Bundesarbeitsministeriums, wenigstens ab und zu von daheim ihrem Job nachgehen zu können. Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge ist dieser Wunsch in vielen Fällen durchaus realistisch: Ein Homeoffice - oder eben das Büro an Bord - sei bei vier von zehn Jobs grundsätzlich möglich. In den meisten Fällen scheitere diese Konstellation aber an den Vorgesetzten, so das DIW.

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